„Nur die gemeinsame Sicherheit dient dem Frieden“

Interview mit Helga Tempel, Ehrenvorsitzende von Pro Peace

Die Pädagogin, Quäkerin und Pazifistin Helga Tempel gehört zu den Gründungsmitgliedern von Pro Peace und ist seit 2004 dessen Ehrenvorsitzende. Gemeinsam mit ihrem Mann Konrad begründete sie die Ostermarschbewegung. Im Interview spricht sie über den Wandel des Friedensbegriffs, die neuen Aufgaben der Friedensbewegung und die wichtige Rolle von Pro Peace.
Helga Tempel
© privat

Liebe Helga, du bist seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv. Wie hast du damals den Begriff „Frieden“ verstanden – und hat sich dein Verständnis verändert?

Ja, das hat sich deutlich verändert. In den 1950er Jahren verstanden wir Frieden vor allem antimilitaristisch. Wir gründeten Anlaufstellen für Kriegsdienstverweigerer und glaubten – aus heutiger Sicht vielleicht naiv –, dass es ohne Soldaten keinen Krieg mehr geben könne.

Im Laufe der Zeit hat sich der Friedensbegriff erweitert: zunächst um Menschenrechte, Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe, später auch um ökologische Fragen. Diese Erweiterung war notwendig, um Frieden ganzheitlich zu denken. Gleichzeitig führte sie zu einer gewissen Aufsplitterung der Bewegung. Für mich blieb jedoch immer zentral: Frieden ist untrennbar mit Gewaltfreiheit verbunden. 

Heute erleben wir einen Gegensatz zwischen „militärisch verstandener Sicherheit“ und einem positiven, gerechten, nachhaltigen Frieden. Wie blickst du auf diesen Konflikt? 

Das Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit ist absolut berechtigt! Schon in unseren Konzepten zur Sozialen Verteidigung versuchten wir, diesem Bedürfnis zu entsprechen – aber eben verstanden als gemeinsame Sicherheit.

Die unkritische Gleichsetzung von „Frieden“ und militärisch verstandener „Sicherheit“ kam erst später auf. Diese Art Sicherheit setzt akute Bedrohung voraus und beruht auf Feindbildern. Sie führt in die Irre. Nur gemeinsame Sicherheit dient dem Frieden – also auch die Sicherheit meines Nachbarn oder Widersachers. Egon Bahr sagte: „Man kann nicht mehr vor dem Gegner, sondern nur noch mit dem Gegner Sicherheit erreichen.“

Den Begriff „kriegstüchtig“ halte ich für makaber. Anstatt „kriegstüchtig“ zu werden, müssen wir als Friedensorganisation dazu beitragen, als Gesellschaft friedenstüchtig zu werden. 

Die Anfänge der Ostermärsche: Helga und Konrad Tempel prägten die Bewegung über viele Jahre.

Der Krieg gegen die Ukraine stellt die Friedensbewegung vor eine harte Probe: Selbstverteidigung mit Waffen oder kompromisslose Gewaltfreiheit?

Als Quäkerin und Pazifistin kann ich mich persönlich nicht an militärischen Einsätzen beteiligen. Ich möchte vielmehr andere ermutigen, ihr Vertrauen in Gewalt zu hinterfragen. Zugleich will ich der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung nicht absprechen – das wäre politisch und moralisch nicht vertretbar.

Umfragen in der Ukraine zeigten schon vor Kriegsbeginn eine hohe Bereitschaft zu ziviler Verteidigung. Leider wurden die nötigen Strukturen nicht systematisch aufgebaut. Hier müssen wir uns auch selbstkritisch fragen, ob wir als internationale Friedensbewegung genug getan haben. Forschungen belegen, dass ziviler Widerstand erfolgreich sein kann, wenn er gut vorbereitet und breit getragen ist. Hier empfehle ich das Buch „Warum ziviler Widerstand funktioniert“ von Erica Chenoweth und Maria L. Stephan.

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Friedensarbeit steht vor großen Aufgaben – von geopolitischen Konflikten über Klimawandel bis Ressourcenknappheit. Wie muss sie künftig gedacht werden?

Friedensarbeit braucht eine Vision einer menschenfreundlichen Welt und Menschen, die nicht nur fachlich, sondern auch persönlich zu dieser Arbeit bereit sind. Hier spielt unsere Akademie für Konflikttransformation eine entscheidende Rolle. Sie bereitet diese Menschen auf ihre Aufgaben vor.

Wichtig ist auch – bei aller nötigen Diversität –, dass die vielen in der Friedensarbeit engagierten Organisationen bündnisfähig sind und in friedenspolitischen Fragen zusammenarbeiten.

Die junge Helga Tempel bei einem Protest gegen Atomwaffen: Anlässlich dieser Aktion wurde der Begriff „Mahnwache“ erfunden. 

Weltweit – und zunehmend auch in Deutschland – geraten zivilgesellschaftliche Stimmen unter Druck. Welche Rolle kann Pro Peace dabei spielen, Handlungsräume zu erweitern?

Wir verbinden friedensstiftende Praxis mit unserem entschiedenen Eintreten gegen Militarisierung und für eine gewaltfreie, an den Menschenrechten ausgerichtete Politik. Darin sehe ich ein Alleinstellungsmerkmal von Pro Peace! Zudem ist es uns gelungen, den Friedensbegriff auch auf Konfliktlagen in der deutschen Gesellschaft zu übertragen. Frieden beginnt vor der Haustür! Wir stehen ein für Integration und Inklusion, demokratische Teilhabe und Ermutigung zur friedlichen Konfliktaustragung.

Damit wir wirksam bleiben können, brauchen wir – neben der eben schon erwähnten Bündnisfähigkeit – eine verlässliche, tragfähige finanzielle Grundlage: eine Diversität in den Finanzquellen und eine Vielzahl von großzügigen Spender*innen. 

Zu Beginn dieses Jahres hat sich das forumZFD in „Pro Peace“ umbenannt. Was macht diese Neuausrichtung für dich wichtig und richtig?

Der Name forumZFD stand bei der Gründung der Organisation für ein innovatives Instrument der gewaltfreien Konfliktbearbeitung. Die Implementierung des Gesamtprogramms war wegweisend und der ZFD bleibt auch weiterhin wichtig.

Inzwischen erfordert die politische Problemlage aber insgesamt eine Neu- und Umorientierung. Frieden muss weitergedacht und tiefer in Politik und Gesellschaft verankert sein. Wirksame Friedenspolitik heißt, in Alternativen zu denken. Die Stimme der „Friedenstüchtigen“ muss laut und unüberhörbar sein. Das wird unter dem Namen Pro Peace klarer und überzeugender deutlich. Er stellt unsere praktische Friedensarbeit in einen erweiterten politischen Rahmen. 

Das Interview führte Petra Gramer.

Protestaktion von Pro Peace vor dem Bundestag: „Frieden muss tiefer in Politik und Gesellschaft verankert sein“, betont Helga Tempel.