Ukraine: „Dieser Winter zeigt die ganze Barbarei des Krieges“
Ein Gespräch über die aktuelle Friedensarbeit von Pro Peace in der Ukraine
Die Nachrichten, die uns diesen Winter aus der Ukraine erreichen, sind bedrückend. Die permanenten russischen Angriffe und die eisige Kälte bestimmen den Alltag der Menschen. Mitte Januar haben wir mit unserer Landesdirektorin Zornitsa Popova-Glodzhani über die aktuelle Situation gesprochen. Ihre Schilderungen bestätigen den Ernst der Lage. Und gleichzeitig zeigen sie auf, warum es wichtig ist, die Zivilgesellschaft zu stärken – jetzt und als Vorbereitung für die Zeit nach dem Krieg.
Seit mittlerweile vier Jahren greift Russland die gesamte Ukraine an. Wie ist derzeit die Lage der Zivilbevölkerung?
Dieser Winter ist die größte Bewährungsprobe für das Durchhaltevermögen der Menschen. Die Temperaturen sind zeitweise auf bis zu minus 22 Grad gefallen, und an besseren Tagen gibt es vielleicht zwei, drei Stunden Strom. Kein Strom bedeutet kein Wasser, keine Heizung. Das trifft insbesondere die Schwächsten in der Gesellschaft: Stellen Sie sich etwa ältere Menschen vor, die im 17. Stock wohnen und nicht zum Arzt gehen können, weil der Aufzug nicht funktioniert, oder Familien mit kleinen Kindern, die Nacht für Nacht in den Schutzraum rennen müssen, nur um dann in eine kalte, dunkle Wohnung zurückzukehren. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Dieser Winter zeigt wirklich die ganze Barbarei dieses Krieges, denn das ist eine gezielte Taktik der russischen Armee, um den Willen der Menschen zu brechen, und sie trifft in erster Linie die Zivilbevölkerung.
Dieses Land ist zutiefst gezeichnet, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.
Wie könnt ihr eure Arbeit unter diesen Bedingungen fortsetzen?
Es ist nicht einfach. Unsere Kolleg*innen und die Vertreter*innen unserer Partnerorganisationen leben und arbeiten in verschiedenen Teilen des Landes. Verständlicherweise müssen sie zuerst für sich selbst und ihre Familien sorgen. Aufgrund der Stromausfälle kommen E-Mails manchmal langsamer rein oder Meetings müssen verschoben werden. Aber alle geben ihr Bestes und arbeiten hart, um die Projekte am Laufen zu halten. Wir haben sogar neue Projekte für dieses Jahr entwickelt. Interessanterweise mussten wir unsere Programmstrategie nicht wesentlich anpassen. In den ersten Monaten des Angriffs haben wir einige Mittel für dringend benötigte humanitäre Hilfe umgewidmet. Seitdem konzentrieren wir uns jedoch wieder auf gewaltfreie Konflikttransformation und zivilgesellschaftliches Engagement. Diese Themen verlieren in Kriegszeiten nicht an Bedeutung – im Gegenteil.
Was macht es mit einer Gesellschaft, so lange unter der Last des Krieges zu leben?
Alle versuchen, irgendwie einen Umgang damit zu finden. Was haben sie auch für eine Wahl? Aber der persönliche Preis ist enorm. Ich spüre eine große Traurigkeit, viel Wut und Erschöpfung. Dieses Land ist zutiefst gezeichnet, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Wie sich das entwickeln wird, wenn der Krieg endlich vorbei ist, lässt sich schwer vorhersagen – ob es zu einem positiven Wandel führt oder zu weiterer Spaltung. Die Ukraine war schon immer sehr vielfältig in Bezug auf Sprache, Konfession, Kultur und politische Positionen. Im Angesicht des Krieges treten die Unterschiede hinter das gemeinsame Ziel des Überlebens zurück. Wenn die Waffen schweigen, könnten sie aber wieder zum Vorschein kommen.
Das War Childhood Museum bietet auch einen Ort des Austauschs über eigene Erlebnisse.
Was bedeutet das für die Friedensarbeit?
Es bedeutet, dass wir viel zu tun haben werden. Meine Erfahrung aus anderen Kontexten ist: Nach dem Krieg werden sich alle auf den Wiederaufbau der Infrastruktur und der Wirtschaft konzentrieren. Aber die Menschen in der Ukraine brauchen auch Zeit um zu trauern und zu heilen. Sie müssen sich über die unterschiedlichen Erfahrungen während des Krieges austauschen und verstehen, was Menschen in verschiedenen Situationen durchgemacht haben – zum Beispiel diejenigen, die gekämpft haben, die fliehen mussten oder die jemanden verloren haben. Dieses Bewusstsein zu schaffen wird dazu beitragen, den starken Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung zu bewahren, die sich während des Krieges entwickelt haben.
Wir arbeiten bereits daran, die Kompetenzen innerhalb der Gesellschaft und der Behörden im Umgang mit Traumata zu stärken. Der Bedarf ist enorm, und wir haben viel Fachwissen anzubieten hinsichtlich trauma-sensibler Ansätze und dem Aufbau einer Kultur der Empathie. Derzeit prüfen wir unter anderem Möglichkeiten, um mit Veteran*innen zu arbeiten. Ihre Rückkehr ins zivile Leben stellt eine große Herausforderung dar und wir wissen aus anderen Ländern, in denen Pro Peace tätig ist, dass Veteran*innen eine konstruktive Rolle für den gesellschaftlichen Wiederaufbau spielen können – vielleicht können sie sogar Botschafter*innen des Friedens werden. Aber das ist eine langfristige Vision, die viel Arbeit erfordern wird.
Das Gleiche gilt für den Umgang mit der Vergangenheit: Bereits jetzt, während des Krieges, arbeiten wir auf eine Erinnerungskultur hin, die inklusiv ist und vielfältige Perspektiven würdigt. Ein Beispiel ist das Projekt „War Childhood Museum“, das die Erfahrungen von Kindern im Krieg dokumentiert – eine Perspektive, die oft übersehen wird. Und nicht zuletzt arbeiten wir daran, eine resiliente und aktive Zivilgesellschaft zu stärken, die nach dem Krieg mehr denn je gebraucht wird.