Zum Auftakt begrüßte Moderatorin Hannah Sanders (Pro Peace) die Gäste. Dass der Abend mehr sein sollte als eine klassische Jubiläumsfeier, wurde schnell deutlich. Statt eines Rückblicks auf vergangene Erfolge standen bewusst Erfahrungen aus der Friedensarbeit und aktuelle Herausforderungen im Mittelpunkt.
In ihren Grußworten betonte die Vorstandsvorsitzende Caroline Wiegand die Bedeutung kontinuierlicher Friedensarbeit. „Über Frieden wird erstaunlich wenig gesprochen“, sagte sie und erinnerte daran, dass Gewalt und Krieg weiterhin eine erschreckende Realität seien. Gerade deshalb sei die Arbeit von Friedensorganisationen weiterhin notwendig – auch wenn sie oft weniger Aufmerksamkeit bekomme als militärische oder sicherheitspolitische Debatten.
Gleichzeitig seien die Bedingungen schwieriger geworden. „Friedensarbeit war immer herausfordernd. Doch diese Zeiten sind es für eine Friedensorganisation besonders“, so Wiegand. Eine Schweigeminute gedachte anschließend den Betroffenen von Krieg und Gewalt weltweit.
Auch die Kölner Bürgermeisterin Derya Karadag würdigte die Arbeit der Organisation. In einem Grußwort hob sie hervor: „30 Jahre Pro Peace – das ist ein starkes Zeichen dafür, dass Frieden auch Ausdauer braucht und dass es Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.“ Frieden bedeute nicht, Konflikte zu ignorieren, sondern eine klare Haltung für Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit zu zeigen. Gleichzeitig entstehe Frieden selten allein in politischen Institutionen, sondern vor allem „von unten“, aus der Zivilgesellschaft heraus.
Erfahrungen aus internationaler Friedensarbeit
Wie Friedensarbeit in der Praxis aussieht, zeigte die erste Podiumsdiskussion des Abends. Unter dem Titel „Wie kann Frieden wieder wachsen?“ diskutierten Alexander Mauz (ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Pro Peace), Chen Alon (Mitgründer der israelisch-palästinensischen Initiative Combatants for Peace) und Angela Starovoyta (Projektleiterin des Empathy Ukraine Network).
Angela Starovoyta berichtete von der psychischen Belastung vieler Menschen in der Ukraine, die seit Jahren im Krieg leben. Dauerstress, Angst und Unsicherheit würden den Alltag prägen und sich stark auf das gesellschaftliche Zusammenleben auswirken: Aggressionen nähmen zu und viele Menschen hätten Schwierigkeiten, mit ihren Emotionen umzugehen.
Gleichzeitig beobachtet sie eine enorme Widerstandskraft. „Ich habe begonnen zu glauben, dass wir Menschen eine erstaunliche Fähigkeit haben zu überleben“, sagte sie. Genau hier setzt das Empathy Ukraine Network an: In Gruppenformaten, Einzelgesprächen und Trainings geht es darum, Resilienz zu stärken und Menschen dabei zu unterstützen, mit den psychischen Belastungen des Krieges umzugehen. Dabei arbeitet das Netzwerk unter anderem mit lokalen Verwaltungen zusammen, um besser auf Menschen in emotionalen Krisen reagieren zu können. Angela Starovoyta betonte jedoch auch die Gefahr einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung. Vor allem die russische Propaganda treibe Familien auseinander.
Alexander Mauz hob wiederum hervor, wie wichtig ein traumasensibler Ansatz in der Friedensarbeit sei. Traumata wirkten sowohl individuell als auch kollektiv und müssten aktiv bearbeitet werden, um nicht immer wieder neue Konflikte zu erzeugen. Initiativen wie das War Childhood Museum in Kiew versuchen beispielsweise, Erinnerungen von Kindern aus dem Krieg zu dokumentieren und diese in das kollektive Gedächtnis einzuflechten.
Chen Alon brachte eine weitere Perspektive in die Diskussion ein. Als Mitgründer von Combatants for Peace arbeitet er mit ehemaligen israelischen Soldaten und palästinensischen Kämpfern zusammen, die gemeinsam für Gewaltfreiheit eintreten. Ziel sei es, Dialog zu ermöglichen und die vermeintliche Gegenseite wieder als Menschen wahrzunehmen. Besonders wichtig sei dabei, Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten offen anzusprechen und Verantwortung für eigene Handlungen zu übernehmen.
In der Diskussion wurde immer wieder deutlich: Frieden ist kein Zustand, der plötzlich eintritt. „Frieden ist ein Prozess“, sagte Alexander Mauz – ein langfristiger Weg, der Beziehungen, Vertrauen und Inklusion erfordert.
Friedensdiskurs in Deutschland
Während das erste Panel internationale Erfahrungen in den Blick nahm, stand im zweiten Panel die Situation in Deutschland im Mittelpunkt. Unter dem Titel „Vier Jahre Zeitenwende. Deutsche Debatten – Aktiv werden für Frieden“ diskutierten Zeynep Karaosman (Mitgründerin der Kölner Initiative Palestinians & Jews for Peace), Dalilah Shemia-Goeke (Geschäftsführerin des Bunds für soziale Verteidigung) und Christoph Bongard (Leiter Kommunikation und Politik von Pro Peace).
Zeynep Karaosman berichtete, wie die Palestinians & Jews for Peace nach dem 7. Oktober entstanden. Aus dem spontanen Wunsch nach Austausch und einem gemeinsamen Gedenken an die Opfer entwickelte schnell eine größere Initiative. Die Diskussion in Deutschland über den Nahostkonflikt sei oft stark vereinfacht, kritisierte Karaosman. „Die Leute sehen die Dinge gerne ganz schwarz-weiß.“ Tatsächlich seien Konflikte jedoch komplex – und menschliches Leid auf beiden Seiten müsse anerkannt werden.
Dalilah Shemia-Goeke stellte das Konzept der sozialen Verteidigung vor. Dahinter steht die Idee, Lebensgrundlagen und demokratische Strukturen mit gewaltfreien Mitteln zu schützen, etwa durch zivilen Widerstand, gesellschaftliche Vernetzung und Solidarität mit Betroffenen von Gewalt. Gerade angesichts zunehmender Militarisierung und politischer Polarisierung seien solche Ansätze wichtiger denn je.
Christoph Bongard lenkte den Blick schließlich auf die politischen Rahmenbedingungen für Friedensarbeit. Zivile Konfliktbearbeitung stehe derzeit unter Druck. Dies zeige sich etwa in Kürzungen in den Bereichen Entwicklungszusammenarbeit, zivile Krisenprävention und humanitäre Hilfe. Gleichzeitig brauche eine zunehmend vielfältige Gesellschaft mehr Räume für konstruktive Auseinandersetzungen und Dialog. Dabei gehe es letztlich um eine grundlegende Zukunftsfrage. „Die Friedensfrage ist eigentlich genauso eine Zukunftsfrage wie die Klimafrage“, sagte Bongard.
Frieden entsteht nicht von allein
Zum Abschluss der Veranstaltung griff Caroline Wiegand zentrale Gedanken des Abends noch einmal auf. Positiver Frieden entstehe nicht allein durch das Ende von Gewalt, sondern dort, wo auch strukturelle Ungleichheiten abgebaut und Gewaltfreiheit aktiv gelebt wird. Die Erfahrungen aus drei Jahrzehnten Friedensarbeit zeigten deutlich: „Frieden entsteht nicht von selbst. Frieden wächst dort, wo Menschen Konflikte bearbeiten, Empathie stärken und Räume für Dialog offenhalten.“
Beim anschließenden Empfang setzten viele Gäste die Gespräche des Abends fort – ganz im Sinne einer Friedensarbeit, die auf Begegnung, Austausch und langfristiges Engagement setzt.
Hier können Sie sich die Aufzeichnung der Veranstaltung ansehen:
Veranstaltungsaufzeichnung zum 30-jährigen Jubiläum