„Es liegt in unseren Händen!“

Aktivist Ramesh Sharma im forumZFD-Interview

RAMESH SHARMA hat Hunderttausende für die Rechte echte der Landlosen in Indien auf die Straße gebracht. Jetzt organisiert er einen globalen Marsch vom indischen Neu-Delhi zum Sitz der Vereinten Nationen in Genf. Wir sprachen mit ihm bei seinem Besuch beim forumZFD im Friedenshaus Am Kölner Brett.
Tausende Menschen gehen für die Rechte der Landlosen auf die Straße
© millionscanwalk-film.com

Worum geht es bei Ekta Parishad?

Ramesh Sharma: Als Bewegung wollen wir die Veränderungen im Leben der ausgegrenzten Menschen erreichen. Erfolg bedeutet für uns nicht in erster Linie neue Gesetze oder Richtlinien im Sinne der Ausgegrenzten. Auch wenn sie auf struktureller Ebene wichtig sind. Am wichtigsten ist für uns, dass es sichtbare positive Veränderungen im Leben der Menschen gibt, die Hilfe benötigen. Der zweite große Aspekt ist, was wir den Prozess der Erkenntnis nennen. Wir versuchen den Menschen zu verdeutlichen, dass sie die Staatsbürgerinnen und -bürger dieses Landes sind, dass sie Rechte, Würde und die kollektive Macht haben, bedeutende Veränderungen in ihrem Leben vorzunehmen.

Wie kamen Sie selbst zur Bewegung Ekta Parishad?

Ramesh Sharma: Mein Weg zu Ekta Parishad begann 1998. Ich war begeistert, wie Ekta Parishad Probleme gewaltfrei löst und eine große Anzahl an Menschen in ganz Indien inspiriert. Am meisten hat mich der basisnahe Geist der Bewegung inspiriert.

Ramesh Sharma arbeitet als nationaler Koordinator von Ekta Parishad

Woran erkenne ich diese Basisnähe der Bewegung?

Ramesh Sharma: Die meisten unserer Anführer kommen aus den Dörfern. Als Teil der Dorforganisation hatten sie die Möglichkeit, an der Spitze einiger unserer Aktionen zu stehen, sie wurden für die Bewegung an größeren Verhandlungen beteiligt. So wuchsen sie nach und nach und sind jetzt wie nationale Anführer in Ekta Parishad.

Aber wie überzeugen Sie Menschen, die offensichtlich mit ihrem täglichen Überleben zu kämpfen haben, ihre Zeit dem Engagement für Ekta Parishad zu widmen?

Ramesh Sharma: Für Tausende von Menschen, die schon mit dem Überlebensalltag zu kämpfen haben, ist es eine Hilfe, wenn sie in ihrem langen Kampf für gleiche Ressourcen und Chancen eine große Organisation wie Ekta Parishad an ihrer Seite wissen. Sie kämpfen nicht nur um ihr Überleben, sie kämpfen für ihre Identität, für Würde und Gleichheit. Die Bewegung wächst und wächst. Das ist der beste Beweis dafür, dass an der Basis die Erwartungen anwachsen.

Was können Europäerinnen und Europäer von ihrem Einsatz für Demokratie lernen?  

Ramesh Sharma: Man kann nicht auf Demokratie hoffen, ohne sie im täglichen Leben zu praktizieren. Wir ermutigen die Menschen, beide Seiten der Demokratie zu verstehen. Die eine Seite sind diejenigen, die gewählt wurden und nun herrschen, der andere Teil sind die Bürger, die auch miteinbezogen werden müssen. Wir nennen es ‚Politik mit den Menschen‘. Demokratie ist für uns jedoch mehr, als nur alle vier oder fünf Jahre die Stimme abzugeben, sie ist ein ständiger Prozess.

Wie funktioniert Demokratie innerhalb der Bewegung? Als ich zum ersten Mal hörte, dass Sie eine familienbasierte Mitgliedschaft haben, dachte ich, dass der Mann automatisch der Dorfleiter wird. Wie erreichen Sie die Beteiligung von Frauen in der Bewegung?

Ramesh Sharma: In jedem Dorf gibt es zwei leitende Funktionen: Präsident und Sekretär. Eine dieser beiden Positionen ist einer Frau vorbehalten. Frauen könnten also beide Positionen besetzen, Männer jedoch nur eine. Es geht nicht nur darum, einen formellen Raum für sie zu schaffen, sondern wir wollen sie zur Leitung der Organisation ermutigen.

Das Prinzip gilt für die gesamte Organisationsstruktur von Ekta Parishad. Mit Ekta Mahila Manch (Ekta Frauen Flügel) haben wir eine Gruppe, die explizit Frauen unterstützt.

In Indien kämpfen wir auch dafür, Frauen als Landwirtinnen anzuerkennen. Denn Frauen wenden die meiste Zeit und Energie für die Landwirtschaft auf, sie sind bis heute aber nicht als Landwirtinnen anerkannt. Wir setzen uns dafür ein, dass Frauen Landrechte erhalten.

Ekta Parishad marschierte mit mehr als hunderttausend Landlosen nach Neu-Delhi, um ihr Recht auf Land einzufordern

Ihre Organisation bezieht sich auf Gandhi. Was bedeutet sein Erbe für die Bewegung heute?

Ramesh Sharma: Gandhi war ein junger Anwalt, der in eine privilegierte Familie geboren wurde und eine Ausbildung in Großbritannien absolvierte. Als er in Südafrika aus dem Zug geworfen wurde, wurde ihm zum ersten Mal in seinem Leben klar, dass die Menschenwürde jeden etwas angeht. Er reiste von Südafrika nach Indien, wo er entschloss, sich in das politische System einzumischen und Millionen von Indern zu helfen, die für die Freiheit kämpften. Mahatma Gandhi glaubte fest an Selbstreflexion.

Wie übertragen Sie das auf Ihre Organisation?

Ramesh Sharma: Als gandhianische Organisation machen wir manchmal Fehler. Wenn wir aber offen genug sind, um aus unseren Fehlern zu lernen und diese zu verbessern, ist dies die Lehre, die wir heute von Mahatma Gandhi umsetzen. Für uns ist Selbstreflexion ein schritt- weiser Prozess der eigenen und gesellschaftlichen Verbesserung. Als große Basisbewegung glauben wir fest daran.

Ich habe Ihnen viele Erfolgsgeschichten von Ekta Parishad erzählt. Glauben Sie mir, es gibt noch mehr Misserfolge. Allerdings gab uns jeder Misserfolg neue Denkanstöße, um unsere eigene Strategie und unser Verhalten zu korrigieren. Ich denke also, das ist es, was wir lernen müssen.

Würden Sie mir ein Beispiel für einen Misserfolg nennen?

Ramesh Sharma: Oh ja, natürlich. Ein Beispiel ist die Geschichte einer Region namens Raigarh in Chhattisgarh. Diese Region ist besonders bekannt für ihren Reichtum an Bodenschätzen. Außerdem leben dort viele Ureinwohner. Es gibt einen langen andauernden Kampf gegen die großen Konzerne, die in den 90er-Jahren das Land eroberten. Nach langen Auseinandersetzungen, Kampagnen und Demonstrationen verloren wir eines Tages die Hoffnung, über politischen Druck unser Ziel zu erreichen. Wir entschieden uns, Klagen gegen die Unternehmen einzureichen. Leider verloren wir vor Gericht, und die juristische Niederlage demoralisierte den gesamten Kampf.

Wir konnten die Gerichtsentscheidung nicht anfechten. Das war das Ende der Geschichte. Wir haben in Raigarh bis heute keinen nennenswerten Erfolg erzielt. Wir stehen den Menschen in ihrem lang anhaltenden Kampf aber immer noch bei.


Vielen Dank für diese Offenheit. Kommen wir zu etwas Hoffnungsvollem: die Kampagne Jai Jagat für Gerechtigkeit und Frieden. Ein einjähriger Marsch von Neu-Delhi nach Genf.

Ramesh Sharma: Die gesamte Reise von Ekta Parishad in den letzten 40 Jahren ist eine Geschichte der Hoffnung. Weltweit werden die nächsten zehn Jahre von entscheidender Bedeutung für Klimaungerechtigkeit, Ungleichheit und Armut sein. Nun liegt es in unseren Händen, ob wir die Umwelt, die Menschen und die Menschlichkeit retten wollen oder nicht!

Ob wir alle unsere Ressourcen erschöpfen wollen oder ob wir etwas Energie für die Zukunft sparen. Haben wir überhaupt an die Rechte der jungen Menschen gedacht, die 2025 oder 2030 geboren werden? Wenn wir uns der Gerechtigkeit zwischen den Generationen nicht bewusst sind, werden wir als eine der egoistischsten Generationen in die Geschichte eingehen, die es je gab.

Es liegt also in den nächsten zehn Jahren in unserer Verantwortung, über diese Dinge zu sprechen, die den zukünftigen Generationen Hoffnung geben.

Während der mehr als 10.000 Kilometer langen Wanderung durch verschiedene Länder werden wir unser Bestes geben, um unter Millionen von Menschen Hoffnung für eine bessere Zukunft zu schaffen.

Wir sprechen auch mit verschiedenen Institutionen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene, die eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung der Träume der Menschen spielen könnten.

Die Bedrohungen durch den Klimawandel lösen bei vielen jungen Menschen Zukunftsängste aus. Das ist berechtigt, und dennoch scheint mir Angst auf lange Sicht kein guter Motivator für Veränderungen.

Ramesh Sharma: Auf keinen Fall.

Was können Sie Ihnen mitgeben?

Ramesh Sharma: Optimismus ist in der heutigen Welt ein Muss und keine Wahl. Wir sind nicht in der Lage, zu entscheiden, ob wir optimistisch oder pessimistisch sein wollen.

Ich nenne diesen Marsch von Jai Jagat einen Weg der Hoffnung, der Forderungen von unten nach oben trägt, von den Menschen in die Institutionen. Solange ich jedoch selbst nicht dazu bereit bin, mich zu ändern, ist es schwierig, andere davon zu überzeugen. Wir müssen alle neu erlernen, uns friedlich und verständnisvoll zu verhalten und auch so zu leben. Wir haben eine lange Vergangenheit hinter uns: Vor 50 Jahren waren wir so einfach, und jetzt sind wir so kompliziert.

Warum?

Ramesh Sharma: Ich denke, es liegt an uns, wieder in Richtung Einfachheit zu gehen. Dann werden wir glücklicher, optimistischer und bedeutungsvoller in unserem Leben sein und auch nachfolgenden Generationen das Recht auf eine Zukunft hinterlassen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christoph Bongard

© millionscanwalk-film.com

Märsche für Gerechtigkeit und Frieden

Ekta Parishad ist eine indische Basisbewegung, die sich nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit Mohandas Gandhis für die Rechte der Landbevölkerung einsetzt. Mehrere Hunderttausend Menschen haben an ihren Märschen für Landreformen teilgenommen – eindrucks- voll dokumentiert in dem Film „Millions can walk“.

Am 2. Oktober startete die Bewegung einen einjährigen Marsch für Gerechtigkeit und Frieden, den Jai Jagat 2020 (deutsch: Sieg für alle), von Neu-Delhi nach Genf zum Sitz der Vereinten Nationen. Mehrere europäische Sternmärsche, aus Deutschland u. a. von Travemünde (Start: 05.07.2020), Berlin (12.07.2020) und Köln (02.08.2020), führen ebenfalls nach Genf. Dort findet zum Abschluss die Genfer Friedenswoche statt (26.09. bis 02.10.2020).