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Nahost: Zwischen Checkpoints und Siedlergewalt

Nachwuchsjournalismus im Westjordanland

Seit dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 hat Israel die Einschränkungen für Palästinenser*innen im Westjordanland drastisch verschärft. Im Schatten des Gazakriegs entstanden neue Militär-Checkpoints, israelische Siedlungen wurden weiter ausgebaut, gewalttätige Siedler treiben ungestraft ihr Unwesen – oft in Abstimmung mit dem israelischen Militär. Gleichzeitig droht der wirtschaftliche Kollaps. Nie war es wichtiger, einheimische Journalist*innen auszubilden – und nie herausfordernder: Ein Besuch bei einem Workshop der Medienplattform Dooz, einem langjährigen Partner von Pro Peace, zeigt, wie das gelingt.
Dooz-Redakteurinnen bei einem Workshop
© Agnes Fazekas

„Kurze Pause! Razzia in Nablus!“, ruft Abed Othman: „Kontaktiert bitte alle eure Familien.“ Eben noch hatte der graulockige Gründer der Medienplattform Dooz zufrieden zugesehen, wie seine Nachwuchs-Reporter*innen ihre Video-Projekte vorstellen. Zehn Frauen und drei Männer sitzen mit ihm und zwei Redakteurinnen im Neonlicht eines Hotel-Konferenzraums in Ramallah. Außerdem dabei: Zwei Mitarbeitende von Pro Peace. Die Studierenden stammen von der Uni im 36 Kilometer entfernten Nablus – einer Stadt, die malerisch zwischen zwei Hügeln liegt, inzwischen jedoch zunehmend von illegalen israelischen Siedlungen eingekesselt ist. Dass das Treffen heute in Ramallah, der De-Facto-Hauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete stattfindet, hat mehrere Gründe. Einer lautet: Sicherheit.

In den kurzen Filmen der Studierenden geht es nur indirekt um den großen Konflikt. Es sind Lokal-Reportagen, die Themenwahl war frei. Umso bezeichnender, dass sich die meisten Filme mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit durch die Besatzung befassen. Ein Team hat einen Taxi-Fahrer begleitet, ein anderes hat Kommiliton*innen an der Uni Nablus zu ihrem täglichen Spießrutenlauf befragt. Manche Fakten sind Othman selbst neu. Zum Beispiel fanden die Studierenden in ihren Recherchen heraus, dass Palästinenser*innen jährlich gut 60 Millionen Arbeitsstunden beim Warten an den Checkpoints verlieren. Hundert neue Militär-Schleusen wurden seit dem 7. Oktober 2023 im Westjordanland errichtet. Allein rund um Nablus gibt es inzwischen 70 Checkpoints, an denen Palästinenser*innen aufgehalten werden, während israelische Siedler*innen freie Fahrt haben.

Der Weg von ihrem Dorf zur Uni nach Nablus betrage kaum zwanzig Minuten, erzählt eine Reporterin. Doch selbst mit zwei Stunden Puffer komme sie oft zu spät. Wenn das Militär einen Checkpoint spontan schließe, sitze sie bei Wind und Wetter fest. Ihre Eltern seien in ständiger Sorge.

Nablus liegt im Norden des Westjordanlands. In der Umgebung gibt es mindestens 30 illegale israelische Siedlungen und Außenposten. 

Für die jungen Frauen aus Nablus bedeutet der Ausflug nach Ramallah auch ein wenig Erholung vom Alltag unter der Besatzung.

Ganz nah dran und bewegend

Doch die Recherchen der Nachwuchsjournalist*innen gehen über eingeschränkte Mobilität hinaus. Sie greifen eine Vielzahl gesellschaftlicher Themen auf: immer nah dran, professionell gefilmt – und bewegend. Die Geschichte einer Diabetikerin, die ein Bein verloren hat und mit ihrem Rollstuhl durch die engen Gassen ihres Viertels holpert, regt in der Gruppe eine lebhafte Diskussion über die Stigmata von Behinderung und Krankheit an.

Was auffällt: Die Frauen sind nicht nur in der Überzahl, sie ergreifen lautstark das Wort und nehmen kein Blatt vor den Mund. Othman überrascht das nicht. „An unseren Unis kommen zehn Frauen auf einen Mann.“ Selbstvertrauen und ein souveränes Auftreten trainierten sie in den Dooz-Workshops. „Viele stammen aus den Dörfern, sind anfangs sehr schüchtern. Wir wollen, dass sie sich zutrauen, einen Bürgermeister oder Minister zu interviewen.“

Ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch viele Beiträge: mentale Gesundheit – etwas, über das in der palästinensischen Gesellschaft lange kaum gesprochen wurde. Eine von denen, die das ändern wollen, ist Alaa Wissawi. Sie lebt in Nablus, hat ein Auslandssemester im spanischen Granada absolviert und gehört erst seit dem Sommer zur Ausbildungsredaktion. Für sie ist klar: „Wir müssen offen über Krankheiten wie Depression sprechen, das ist unsere Verantwortung als Journalist*innen!“ Hoffnungslosigkeit seit dem Gazakrieg, verschärfte Restriktionen durch die israelische Armee und eine Arbeitslosigkeit von rund 50 Prozent – all das spüle die Probleme in der eigenen Gesellschaft erst richtig hervor.

Genau darum geht es Dooz. Seit 2014 setzt die Initiative auf Bürgerinnen-Journalismus, um die eigene Gesellschaft zu stärken. „Friedens-Journalismus“, nennt es Othman, obwohl oder gerade, weil sie die große Politik bewusst außenvorlassen. Einfluss nehmen dort, wo es möglich ist und damit Selbstwirksamkeit fördern anstatt sich wie ein Spielball zu fühlen. „Dooz bedeutet auf Arabisch ‚Geradeaus‘“, erklärt der ehemalige Deutsche-Welle-Reporter. Über 830 Journalist*innen seien hier bereits ausgebildet worden.

Nach der Präsentation ihrer Video-Projekte erhalten die Reporter*innen von Dooz-Gründer Abed Othman (links) ein Zertifikat für ihre erfolgreiche Teilnahme.

Verschärfte Besatzungspolitik und Siedlergewalt

Spätestens seit dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza allerdings sind Recht, Gesetz und Ethik sehr schwammige Begriffe im Westjordanland. Während die israelische Regierung mit ihren rechtsextremen Ministern weitere Siedlungs-Projekte durchwinkt, attackieren radikale israelische Siedler ungehindert Palästinenser*innen. „Rund um Nablus gelten die Siedler als besonders gewalttätig“ erklärt Chefredakteurin Jalaa Abuarab. Ihre Kollegin erzählt, ihre Schwester sei letztens sogar im Auto bedrängt worden. „Ihre Kinder waren bei ihr, sie konnte nur schreien. Wir haben alle Angst vor Übergriffen.“

Umso wichtiger ist die lokale Berichterstattung von Dooz. Sie greift nicht nur gesellschaftliche Themen auf, sondern bietet – wie einige andere lokale Medien – auch konkrete Orientierung im Alltag: Welche Checkpoints sind passierbar? Wo drohen Kontrollen oder Gewalt? Informationen, die darüber entscheiden, ob Menschen zur Arbeit kommen oder sicher nach Hause gelangen. Doch selbst diese Basisarbeit wird zunehmend zur Herausforderung. „Inzwischen ist es ein Vollzeitjob, die Lage an rund 900 Checkpoints und Blockaden aktuell zu halten“, sagt Abuarab.

Seit dem Krieg wachse auch mitten in Nablus die Sorge, Opfer der Siedlungspolitik zu werden. Gerade habe ein alteingesessener Florist seinen Laden aufgeben müssen, erzählt Abuarab: „Er bekam einen Räumungsbefehl vom israelischen Militär.“ Der Grund: Sein Haus liegt nahe einer israelischen Siedlung auf einem der Hügel über der Stadt – in Zone B. Mit den Oslo-Verträgen 1995 wurde das Westjordanland in drei Zonen aufgeteilt: Die Autonomiegebiete, zu denen Städte wie Nablus gehören, machen nur 18 Prozent aus. Sie sind von den Gebieten B und C umgeben. Gebiet B wird offiziell gemeinsam von Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet, auch wenn es dort regelmäßig zu israelischen Militäreinsätzen kommt. Gebiet C unterliegt wiederum vollständig der israelischen Militärkontrolle; dort befindet sich der Großteil der israelischen Siedlungen.

In diesem Moment verkündet Othman die Pause wegen der Razzia. „Vier Verwundete schon“, sagt er. „Sie schießen mitten in der Stadt herum. Das gibt mindestens einen Toten heute.“ Überraschungsangriffe durch das israelische Militär gehörten seit dem Krieg beinahe zur Tagesordnung, sagt Studentin Alaa Wissawi. Eine Erklärung bekämen die Bürger*innen nicht. „Reine Schikane“, glaubt Othman. Allzu erschrocken wirkt die Runde nicht. „Traurigerweise haben wir uns daran gewöhnt“, sagt eine der Frauen.

„Wir Palästinenser haben nie Zeit und können nichts planen“

Eben solche Vorfälle seien der Grund, wieso die Workshops in Ramallah stattfinden, erklärt die zuständige Projektbeauftragte bei Pro Peace. Sie betreut die Zusammenarbeit mit Dooz und wohnt selbst in Ost-Jerusalem. „Ramallah gilt als stabiler. Die Leute können hier mal durchschnaufen und ein wenig Normalität tanken.“ Allerdings sei es pures Glück gewesen, dass der Minibus mit den Teilnehmenden am Morgen zügig durchkam. Eine der Frauen zählt an den Fingern die Checkpoints ab, die sie passieren mussten: sechs. Sie zuckt die Schultern: „Wir Palästinenser*innen haben nie Zeit und können nichts planen.“

Abuleils Kollege aus Bethlehem saß in aller Früh gut drei Stunden fest. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. Wer weiß. „Ich muss den ständig überfüllten Checkpoint zwischen Norden und Süden passieren, da sind die Soldat*innen besonders strikt.“ Es gehe nicht nur um Lebenszeit, um verpasste Arbeitsstunden, oder Arzttermine: „Man darf nicht sprechen, wenn das Auto kontrolliert wird, sich nicht bewegen. Es ist Stress.“ Im Winter kommt die Kälte hinzu.

Ramallah sei zwar sicherer, allerdings seien die Teilnehmenden oft bereits erschöpft, wenn sie ankommen, sagt Abuleil. Die Logistik allein fresse einen Großteil der Projektzeit. Sie seufzt und nickt in die Runde: „Und jetzt sind natürlich alle im Kopf bei ihren Familien in Nablus.“

Unheimlich beeindruckend sei es, dass die „Doozians“ trotzdem zu den Workshops kommen oder mit der Video-Kamera losziehen. Die Presse steht im Westjordanland im Kreuzfeuer,Reporter*innen werden verhaftet oder verletzt.

Auf dem Weg zu den Workshops nach Ramallah müssen die Teilnehmenden jedes Mal den „Ein-Senyeah-Checkpoint“ passieren, an dem sich häufig lange Autoschlangen bilden. Der arabische Schriftzug bedeutet „keine Zukunft“.

Den Palästinenser*innen eine Stimme geben, ohne die Stimmung weiter anzuheizen

Das Büro in Nablus ist inzwischen der letzte Rückhalt von Dooz. Ihr Büro in Gaza sei zerbombt worden, sagt Othman. Eine Kollegin kam dabei ums Leben. Mit den anderen sei man in Kontakt. „Aber die Lage ist desaströs.“ Ihr zweites Westjordanland-Büro in Tulkarem mussten sie aufgeben – vor einem Jahr wurden die zwei großen Flüchtlingslager der Stadt vom israelischen Militär angegriffen, die Bewohner*innen mussten fliehen, viele Häuser wurden zerstört. Damit schloss auch die ansässige Uni ihre Türen.

Keine Bildung, das bedeutet für die junge Generation auch: keine Perspektiven. Gerade deshalb sei es so wichtig, was sie machten, findet Othman. Und umso dankbarer sei er für die Unterstützung durch Pro Peace. „50 Prozent Arbeitslosigkeit“, sagt Othman: Das führe in jedem Land zu Problemen, zu Gewalt im Haus, zu Drogenmissbrauch. „Wir wollen berichten, ohne zu stigmatisieren, den Palästinenser*innen eine Stimme geben, ohne die Stimmung weiter anzuheizen. Das bringen wir dem Nachwuchs bei.“

Jetzt gilt es erstmal die Heimfahrt zu bewältigen. Es sind nur 36 Kilometer. Doch in der Beton-Schlaufe am Sperrwall vor Ramallah hat sich bereits eine lange Schlange aus Autos gebildet. Autos schieben sich an einem verblassten Graffito von Arafat vorbei, an Kindern, die billige Ware durchs Fenster verkaufen. Bis man zum Checkpoint gelangt, wo eine junge israelische Soldatin in rauem Ton nach den Papieren fragt, liegen die Nerven blank. Danach warten noch fünf weitere Straßensperren. Immerhin: Das Militär ist inzwischen aus Nablus abgezogen. Zumindest für heute.

Agnes Fazekas ist freie Journalistin und lebt in Tel Aviv. Sie besuchte den Dooz-Workshop im Dezember 2025.

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