Dieser Text erschien unter dem Titel „Wie finden wir wieder zu einem konstruktiven Miteinander? Kommunale Konfliktberatung in Boizenburg/Elbe“ in der Publikation „Besser streiten: Umgang mit kommunalen Konflikten – Erfahrungen aus Mecklenburg-Vorpommern“ herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Die Autor*innen Johannes Blatt und Marike Blunck haben den Beratungsprozess in Boizenburg als freiberufliche Konfliktberater*innen im Auftrag von Pro Peace umgesetzt.
Als westlichste Stadt Mecklenburgs liegt die Kleinstadt Boizenburg/Elbe an der Landesgrenze zu Niedersachsen und Schleswig-Holstein und gehört zur Metropolregion Hamburg. Die Entwicklungsvoraussetzungen der Stadt und die Lebensbedingungen der meisten Menschen sind hier vergleichsweise günstig. Doch auch in Boizenburg gibt es wachsende Herausforderungen: u.a. die enge kommunale Kassenlage, steigende Immobilienpreise oder Spannungen im Miteinander von Alteingesessenen und Zugezogenen. Auch die politische Polarisierung der Gesellschaft ist in Boizenburg zunehmend spürbar – und schlägt sich in der Kommunalpolitik nieder.
Bei den Kommunalwahlen im Juni 2024 hatte die CDU das stärkste Ergebnis erhalten und stellte die größte Fraktion in der Stadtvertretung (7 Sitze). Weitere Fraktionen stellten die lokale Gruppierung Bürger für Boizenburg (BfB, 4), die SPD (4) und Die Linke (3 Sitze). Je ein Sitz Uel an die AfD, die zwar die zweitmeisten Wählerstimmen erhalten, aber nur eine Kandidatin auf ihrer Liste hatte, an Die Heimat (ehemals NPD) sowie an eine Einzelbewerberin.
Der erstmalige Einzug der AfD in die Stadtvertretung führte zu verstärkten und teilweise heftigen Diskussionen zwischen der CDU auf der einen sowie BfB, SPD und Linken auf der anderen Seite über den angemessenen Umgang mit diesem kommunalpolitisch neuen Akteur. Bei der Wahl des Vorsitzenden der Stadtvertretung spitzte sich die Situation zu. Die Tendenz zur Blockbildung verstärkte sich. Zwischen den beiden Blöcken verhärteten sich die Fronten. Zwischen der CDU und den anderen drei Fraktionen ging viel Vertrauen verloren. Es wuchs die Sorge, dass dies die langfristige Zusammenarbeit an Sachthemen torpedieren könnte. Die teilweise öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung über die „Brandmauer“ zur AfD verschärfte die Konfliktdynamik dabei massiv.
In dieser Situation setzte – ergänzend zu den Maßnahmen verschiedener kommunalpolitscher Akteure zur Entschärfung des Konflikts – die Konfliktberatung von Pro Peace ein. Aufgrund der großen Offenheit seitens der Stadt und aller beteiligter Akteure konnten zügig Gespräche aufgenommen werden. Das Beratungsteam von Pro Peace führte zunächst 20 vertiefte Einzelgespräche vor Ort mit Vertreter*innen der Kommunalpolitik, der Verwaltung und der breiteren Stadtgesellschaft sowie fokussierte Reflexionsgespräche mit Schlüsselakteuren. Ziel der Gespräche war es zum einen, die Situation der Kommune und insbesondere die aktuelle kommunalpolitische Konfliktdynamik aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und zu verstehen. Zum anderen stellten die Interviews den Gesprächspartner*innen Reflexionsräume zur Verfügung, in denen diese ihre eigenen Anliegen und ihre Rolle im Konfliktgeschehen klären und dabei ihren eigenen Blick weiten konnten.
Auf Grundlage dieser Einzelgespräche erstellte das Beratungsteam eine Systemische Situations- und Konfliktanalyse – eine Darstellung der Konfliktdynamik, die Schuldzuweisungen vermeidet und statt- dessen die Sichtweisen und legitimen Interessen aller Konfliktparteien widerspiegelt. Diese Konfliktanalyse wurde den beteiligten Schlüsselakteuren vorgestellt. Dabei ging es darum, bei allen Beteiligten die Bewusstheit über die Konfliktsituation, das eigene Handeln darin und seine (potenziellen) Auswirkungen zu schärfen – und darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Verständnis für die andere Seite wuchs. Der Austausch gab Impulse für eine Rückkehr zur gemeinsamen Arbeit an kommunalpolitischen Sachthemen. Im Nachgang konnten die Parteien weitere Neubesetzungen von Ausschüssen einvernehmlich regeln.
In Boizenburg waren sich die kommunalpolitischen Schlüsselakteure der wesentlichen Konfliktdynamiken und der Risiken einer weiteren Eskalation bewusst. Sie führten bereits Gespräche, um nach Wegen zurück zu einem kooperativen Miteinander zwischen den Fraktionen zu suchen. Der Bürgermeister übernahm dabei eine vermittelnde Funktion. Darauf konnte Pro Peace mit seiner Konfliktberatung aufbauen. Die Rolle des Beratungsteams bestand darin, in einer entscheidenden Phase der Konflikteskalation den Prozess des Verstehens, des Perspektivwechsels, des Vertrauensaufbaus und der allmählichen Wiederherstellung einer gedeihlichen Zusammenarbeit durch punktuelle Intervention von außen zu unterstützen.
Erfahrungswerte aus Boizenburg: Qualitätsmerkmale für die Kommunale Konfliktberatung
Eine externe Begleitung im Konflikt wird von lokalen Akteuren durchaus als Unterstützung und Mehrwert wahrgenommen. Allerdings stoßen externe Beraterinnen und Berater bei vielen Menschen im kommunalen Kontext nachvollziehbarer Weise zunächst auf Skepsis. Sie müssen sich das Vertrauen der handelnden Personen vor Ort erst erarbeiten. Wenn die Beraterinnen und Berater als wirklich unabhängig wahrgenommen werden, allen am Konflikt Beteiligten gleichermaßen zugewandt gegenübertreten, wenn sie verbindlich auftreten und die ihnen anvertrauten persönlichen Informationen und Interpretationen verlässlich mit Diskretion behandeln, entsteht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, die Veränderungen vor Ort bewirken kann.
Eine allparteiliche Haltung ist eine notwendige Bedingung, wenn es in der Konfliktberatung darum gehen soll, die Konfliktdynamik zu deeskalieren. Am Konfliktgeschehen Beteiligte lassen sich nur dann auf andere Perspektiven und auf deeskalierende Handlungsschritte ein, wenn sie mit ihren eigenen legitimen Interessen, Bedürfnissen und Gefühlen anerkannt werden. In der Regel haben alle Konfliktparteien gute Gründe für ihre Sichtweisen und verfolgen legitime Ziele, auch wenn die Auswirkungen ihres Handelns in Teilen problematisch sein können. Wenn Menschen in ihrer Geschichte, ihrem persönlichen Erleben, ihren Beweggründen und guten Absichten gesehen werden, kann dies die Tür für Veränderungen öffnen.
Konfliktberatung bietet im wesentlichen Reflexionsräume an, sei es in Interviews, Beratungsgesprächen oder in Gruppenterminen zur Konfliktbearbeitung. Indem die Konfliktberater*innen genau zuhören und empathisch nachfragen, entstehen Situationen, in denen die kommunalen Gesprächspartnerinnen und -partner von ihrem Alltag zurücktreten und einen weiteren Blick auf den Konflikt und die eigene Rolle darin gewinnen. Gerade in eskalierten Konflikten ist es wichtig, dass die Konfliktakteure ihr Reaktionsmuster durchbrechen, entschleunigen und mit Bedacht handeln. Reflexionsräume, die die Kette von Aktion und Reaktion unterbrechen, bieten eine Hilfe und legen den Grundstein, um zurückzukehren zu konstruktiven Aushandlungsprozessen um kommunalpolitische Anliegen.
Konfliktberatung kann dazu beitragen, verbindende Narrative zu stärken. Konfliktdynamiken sind häufig von spaltenden Narrativen geprägt: Das eigene Verhalten wird gerechtfertigt – schuld sind die anderen. Wo aber liegen die gemeinsamen Interessen der Konfliktparteien? Welche gemeinsamen Ziele sollten nicht aus dem Blick geraten? Kann die Bearbeitung des Konflikts als gemeinsam zu bewältigende Herausforderung neu betrachtet werden? In Boizenburg war die gemeinsame kommunalpolitische Verantwortung der Konfliktbeteiligten für die positive Entwicklung der Stadt und ihr gemeinsames Interesse an der Rückkehr zur konstruktiven Zusammenarbeit maßgeblich für die vertrauensbildenden Schritte aufeinander zu.
- Der Konflikt kann nur von den lokalen Akteuren selbst bearbeitet werden. Die Boizenburger Kommunalpolitiker*innen hatten ihre Konfliktdynamik gut verstanden und gingen wesentliche Schritte zur Überwindung der Konflikteskalation selbst. Die Konfliktberatung konnte hier unterstützende Impulse setzen. Konfliktberatung ist nicht dazu da, sich zu verstetigen, sondern soll sich möglichst überflüssig machen. Kommunen, die über alle Voraussetzungen und Kompetenzen verfügen, um ihre Konflikte selbstständig zu bearbeiten, sollten darin bestärkt werden. Die Stadt Boizenburg und Pro Peace kamen daher überein, den Beratungsprozess nach sechs Monaten zu beenden. Im Bedarfsfall steht die Konfliktberatung von Pro Peace der Stadt Boizenburg erneut zur Verfügung.
Der hier geschilderte Beratungsprozess in Boizenburg wurde im Rahmen des Projektes „Kommunen im Fokus: Konfliikte nutzen – Integration gestalten“ (Laufzeit: März 2023 bis Februar 2026) durchgeführt. Das Projekt wird durch den Asyl-, Migrations-, und Integrationsfonds (AMIF) der Europäischen Union sowie die Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kofinanziert.