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Jerusalem: Eine Stadt, zwei Wirklichkeiten

Wie Kontrolle und Willkür das Leben palästinensischer Bewohner*innen in Ostjerusalem prägen

Seit 1967 steht Ostjerusalem unter israelischer Kontrolle. Diese Annexion ist international nicht anerkannt, doch in der Realität bedeutet sie für die palästinensische Bevölkerung ein Leben mit eingeschränkten Rechten und unter permanenter Überwachung. Das prägt nicht nur den Alltag, sondern auch das kulturelle Leben der Stadt. Kultureinrichtungen und Treffpunkte, die palästinensischen Perspektiven Raum geben, geraten immer wieder ins Visier der israelischen Behörden. Eine Fotoausstellung palästinensischer Jugendlicher wird so zum Ausgangspunkt für eine Reportage über eine Stadt, in der Kultur nie losgelöst von Politik existiert – und in der die Frage nach Raum weit über Ausstellungssäle hinausgeht.
Silwan
© Maria Sterkl

Gefüllte Teigtaschen und duftende Mini-Pizzas, kleine Schokohörnchen und Hefegebäck mit wilden Kräutern gefüllt: Das Buffet ist aufgebaut und bringt die alten Mauern zum Duften. Gleich kann die Veranstaltung beginnen: Hier, in einer früheren Fliesenmanufaktur in der Jerusalemer Altstadt, ist heute der kleine Kunstraum „Al-Mamal“ eingerichtet, der sich zeitgenössischer palästinensischer Kunst widmet. An diesem Abend sind es zehn junge Palästinenser*innen aus dem Westjordanland, die dem Publikum ihre Fotografien präsentieren.

Doch eines ist seltsam an diesem Abend: Die Bilder hängen, das Buffet ist gerichtet, die Besucher*innen sind da – doch wer fehlt, das sind die Künstler*innen selbst. Sie wohnen nur maximal 65 Kilometer entfernt im Westjordanland, dürfen aber nicht nach Jerusalem reisen, weil Israel ihnen keine Eintrittsberechtigung erteilt. Ihre Bilder sind heute hier – doch die, die sie geschaffen haben, müssen zuhause vor ihren Bildschirmen per Zoomcall miterleben, wie ihre eigenen Werke in Jerusalem bestaunt und beklatscht werden.

Ein Jahr lang haben zehn junge Palästinenser*innen, die meisten von ihnen im Teenageralter, von erfahrenen Fotograf*innen gelernt, wie man Kameras bedient, ein Bild komponiert und sich bildsprachlich ausdrückt. Das Projekt wurde von Pro Peace koordiniert und finanziert. Es war ein spannendes Jahr für alle Beteiligten, sagt Rihan, die Workshopleiterin. Die jungen Palästinenser*innen hätten beim Fotografieren gelernt, „einen friedlichen Ausdruck für ihre Lebensumstände zu finden“.

Es sind Lebensumstände, die aus europäischer Sicht abstrakt und unvorstellbar erscheinen: Die täglichen Warteschlangen im Westjordanland vor den Checkpoints der israelischen Armee, die erniedrigenden Leibesvisiten gehören für die Menschen hier zum Alltag. Ebenso die Armeeeinsätze mit scharfer Munition, mitten im Stadtzentrum. Immer wieder auch die Demonstrationen, die mit Tränengas niedergeschlagen werden – mal von der palästinensischen Polizei, mal vom israelischen Militär.

„Kunst ist eine Sprache, die alle Menschen verstehen“

Wer all das in den Fotos der jungen Palästinenser*innen finden will, muss jedoch danach suchen. Auf den ersten Blick sind es harmlose Bilder, die in den Workshops entstanden sind. Hier leuchten gelbe Blumen in Nahaufnahme den Besucher*innen entgegen. Da eine alte Tür, dort ein Hahn in all seiner zotteligen Farbenpracht. Das alles könnte auch auf dem Land in Brandenburg aufgenommen worden sein.

Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die politische Botschaft, die in den Bildern steckt. Zwischen dem Objektiv und dem Hahn legt sich ein Maschendrahtzaun über das Bild. Und die alte Tür verweist auf eine Ära, in der es hier noch keinen Staat gab – nur eine Region, die Palästina hieß. „In mir ist eine Stille, die niemand sieht und ein Geheimnis, das ich nicht erkläre. In der Fotografie zeigt es sich“, sagt Ali Ahmad, ein 16-Jähriger, von dem mehrere der ausgestellten Bilder stammen. Das Foto wird zum Ventil für so vieles, das nicht gesagt werden kann.

Shirin Mufdi

Ich bin wirklich beeindruckt, wie mächtig diese Bilder sind. Sie zeigen uns als normale Menschen.

Shirin Mufdi, Co-Leiterin der Al-Mamal-Stiftung für zeitgenössische Kunst

Mit „uns“ meint Mufdi die Palästinenser*innen. „Wir werden meist nur im Zusammenhang mit Politik gezeigt“, sagt die Kuratorin. Was im medialen Diskurs fehle, seien die alltäglichen Dinge: „Kinder, die herumlaufen. Erwachsene, die zusammensitzen. Die Liebe zur Natur und zum kulturellen Erbe.“ Alles, was Menschen miteinander verbindet. Veranstaltungen wie die Fotoausstellungen sollen ein Gegengewicht zu dieser Verzerrung schaffen. „Kunst ist eine Sprache, die alle Menschen verstehen, weil sie direkt zur Seele spricht“, sagt Mufdi. Wo Worte an ihre Grenzen stoßen, baue die Bildsprache Brücken in eine Welt, die sonst verschlossen bliebe.

Ostjerusalem: Kultur unter Vorbehalt

Doch wie lange noch? Alle Kunsträume in Ostjerusalem fürchten, früher oder später Opfer von Repressionen durch die israelischen Behörden zu werden. Seit dem Krieg in Gaza hat sich das verschärft, sagt Mufdi: „Alle sind vorsichtig und passen auf, was sie sagen. Alle haben Angst.“

Einer, der nicht mehr aufpassen will, ist Mahmud Muna. Munas Familie betreibt seit mehr als vierzig Jahren drei Buchhandlungen in Ostjerusalem. Muna hat jene Repression, die die Kuratorin Mufdi befürchtet, längst erlebt. Vor einem Jahr musste er mitansehen, wie mehrere israelische Polizisten seine Buchhandlungen stürmten, Bücher aus den Regalen rissen und ihn und seinen Neffen Ahmed festnahmen.

„Sie haben jedes Buchcover, auf dem das Wort ‚Palästina‘ steht, für illegal erklärt“, erzählt Muna, und schüttelt immer noch ungläubig den Kopf. Aber auch andere Titel, die ihnen verdächtig erschienen, ließen die Polizisten mitgehen. Mehrere hundert Bücher wurden konfisziert – darunter auch Werke von internationalen Intellektuellen wie dem Streetart-Künstler Banksy. Nach 48 Stunden wurden Mahmud und Ahmed Muna freigelassen und für fünf Tage in Hausarrest gesteckt. Dann kamen sie frei, durften ihre Buchläden aber für weitere zwanzig Tage nicht betreten.

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Was ihnen konkret vorgeworfen wurde, wissen sie bis heute nicht. Zwar behauptete die Polizei, es gehe hier um Verhetzung – doch die Staatsanwaltschaft wusste davon nichts. Zu einer Anklage kam es nie. War alles pure Schikane?

Das hängt davon ab, wen man fragt. Manche sahen die Razzia in den Buchläden als einen gezielten Akt der Einschüchterung. Die drei Buchläden der Muna-Familie, allen voran der „Educational Bookshop“ unweit vom Damaskustor, haben sich zu Orten des offenen Diskurses etabliert. Hier treffen europäische Diplomat*innen auf progressive palästinensische Kreise, trinken im angeschlossenen Café einen Espresso und lassen sich für ihre Gespräche von den neuesten Publikationen zum Nahostkonflikt inspirieren.

Mahmud Muna selbst glaubt nicht, dass die Polizeiaktion Teil einer seit langem geplanten Offensive gegen progressive Orte in Ostjerusalem war. „Bücher für kriminell zu erklären, das ist doch eine große Dummheit“, sagt der Mittvierziger. Er hält die Razzia für den Ausdruck einer viel gefährlicheren Tendenz: „Die Polizisten haben das Gefühl, sie können einfach in irgendeinen Buchladen hineinspazieren, ohne sich zu fragen, ob das legal ist oder nicht.“ Diese Form der Willkür sei „eines der zentralen Elemente von Faschismus.“ Und die Ersten, die diese Willkür zu spüren bekämen, seien eben die Palästinenser*innen.

Was Muna beschreibt, endet jedoch nicht an der Tür seines Buchladens. Zwar trifft es in diesem Fall Bücherregale, anderswo Ausstellungssäle oder Bühnen. Doch dahinter steht immer dieselbe Frage: Wer darf in dieser Stadt sichtbar und präsent sein – und wer nicht? In Ostjerusalem geht es nicht nur darum, was gesagt oder gezeigt werden darf, sondern darum, wer Raum behält und wer ihn verliert. Und dieser Verlust beschränkt sich nicht auf kulturelle Orte.

Vor einem Jahr stürmte die israelische Polizei die Buchhandlungen von Mahmud Muna.

Zwischen Souvenirständen und Geröll

Seit die Waffenruhe in Gaza in Kraft ist, kehren die Tourist*innen wieder nach Jerusalem zurück. Manche von ihnen verschlägt es auch in einen der Buchläden der Muna-Familie. Was sie hier vorfinden, ist eine gut sortierte Mischung aus Literatur, Sachbüchern, aber auch Kochbüchern und Magazinen. Nichts erzählt von der Repression, die in diesem Ort stattgefunden hat. Auch in Jerusalems Altstadt streifen die Tourist*innen an den bunten, duftenden Ständen des Schuk vorbei, ohne zu ahnen, was im Verborgenen passiert: dass der Lebensraum der hier lebenden Palästinenser*innen stetig schrumpft.

Doch nur ein paar hundert Meter von der Klagemauer entfernt ist diese Vertreibung deutlich sichtbar. Hier steht das Haus von Fakhri Abudiab – oder das, was davon übrig ist. Das Gebäude, in dem der 64-Jährige aufgewachsen ist und in dem er seine vier Kinder großgezogen hat, ist heute ein Berg aus Geröll. Fakhri und seine Frau Amina lebten hier mit zwei ihrer Söhne und deren Familien. Ein Enkelkind war erst eine Woche alt, als die Bulldozer kamen und das Haus einrissen.

Die Abudiabs leben in Silwan, einem dicht besiedelten palästinensischen Viertel, das direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt liegt. Hier soll ein archäologischer Themenpark entstehen, auf dem Tourist*innen sich auf den Pfaden der jüdischen Wurzeln des heutigen Jerusalems bewegen sollen – dort, wo angeblich der biblische König David gelebt haben soll. Da die Häuser Abudiabs und seiner Nachbar*innen diesen Plänen im Weg stehen, sollen sie abgerissen werden. Entschädigt werden die Bewohner*innen dafür nicht – im Gegenteil: Fakhri muss für den Abriss seines eigenen Hauses selbst aufkommen. Mehr als 43.000 Schekel (11.000 Euro) muss er dafür in monatlichen Raten bezahlen.

Die Stadtverwaltung nennt dafür rechtliche Gründe: Ein Teil des Hauses der Abudiabs wurde ohne Baubewilligung errichtet. Abudiab bestreitet das gar nicht. Seine Familie hatte in den 1980er-Jahren versucht, für den Zubau zum Haus eine Genehmigung zu bekommen, sei aber gegen Mauern gelaufen.

Das habe System, erklärt Amy Cohen von der israelischen Nichtregierungsorganisation Ir Amim: „Die Palästinenser*innen, die hier wohnen, hatten gar keine Möglichkeit, die Bewilligungen zu erhalten“ – anders als jüdische Bewohner*innen. Lange habe das niemanden gestört. Jetzt, wo der Themenpark als neuer Tourismusmagnet dienen soll, ändere sich das. „Die Häuser werden abgerissen, und die fehlenden Genehmigungen dienen als Vorwand dafür“, sagt Cohen.

Silwan ist ein dicht besiedeltes palästinensisches Viertel, das direkt vor den Mauern der Jerusalemer Altstadt liegt. 

Das Gebäude, in dem Fakhri und Amina Abudiab ihre vier Kinder großgezogen haben, ist heute ein Berg aus Geröll. 

Da die offizielle Jerusalemer Raumplanung eine Erweiterung nur für jüdische, nicht aber für palästinensische Stadtviertel vorsieht, sind die Palästinenser*innen in Jerusalem gezwungen, ihre Viertel nach oben zu verdichten – durch Aufstockungen oder Zubauten, für die sie keine Bewilligungen erhalten. So geschah es in Abudiabs Nachbarschaft in Silwan. Rund 1500 Bewohner*innen in seinem Viertel müssen nun fürchten, dass auch ihre Häuser abgerissen werden.

„Wenn Bulldozer innerhalb weniger Tage das gesamte Viertel dem Erdboden gleichmachen würden, könnten wir weltweit mit einem enormen Aufschrei rechnen,“ erklärt die Regionaldirektorin von Pro Peace in Israel und Palästina. „Da es aber schleichend vor sich geht und nicht von heute auf morgen, sieht man es nicht.“ Zwar gäbe es engagierte lokale Organisationen, die Besucher*innentouren anbieten, um diese schrittweise Form der räumlichen Aneignung aufzuzeigen, doch es müsse noch mehr getan werden, um die zweigeteilte Realität, in der die Palästinenser*innen in Jerusalem leben, sichtbar zu machen.

Die letzte Stimme gehört den Bildern

Zurück in den kleinen Ausstellungsraum in Ostjerusalem. Die jungen palästinensischen Amateurfotograf*innen sind bereits per Videokonferenz zugeschaltet. Sie sind aufgeregt, ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren, über ihre Arbeiten zu sprechen. Doch einer von ihnen, der 16-jährige Ali, ist stummgeschaltet. Er steckt in einem der vielen israelischen Checkpoints im Westjordanland fest und weiß: Was er gerne sagen würde, könnte zu seiner Festnahme führen. Also sagt er lieber gar nichts. Es sind seine Fotografien, die für ihn sprechen müssen.

Maria Sterkl ist freie Journalistin und berichtet u.a. für die Frankfurter Rundschau aus Israel und Palästina. Die gebürtige Österreicherin lebt und arbeitet in Jerusalem und Haifa. Diese Reportage entstand im Dezember 2025.

Nachtrag (Stand: März 2026)

Seit der Entstehung der Reportage im Dezember 2025 hat sich die Lage für palästinensische Kulturräume in Ostjerusalem weiter verschärft. Bei zwei weiteren Kulturveranstaltungen kam es zu Razzien durch Sicherheitskräfte. Im Yabous Theatre wurde eine Vorführung des Films „Palestine 36“, der zuvor vielfach in Europa und im Westjordanland gezeigt worden war, unterbrochen. Auch im National Theatre wurde eine Kulturveranstaltung von Sicherheitskräften beendet.

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