Unsere Partnerorganisation Standing Together organisiert derzeit in ganz Israel Anti-Kriegs-Proteste. Was mit kleinen Demonstrationen begann, ist inzwischen zu einer Bewegung geworden, die trotz anhaltender Widerstände in der Öffentlichkeit stetig an Größe gewinnt. Wir haben mit Nadav Shofet von Standing Together darüber gesprochen, wie sich die Stimmung in der Gesellschaft verändert, warum der Widerstand gegen den „Dauerkrieg“ wächst und ob daraus neuer politischer Spielraum entstehen könnte.
Wie würdest du die Stimmung in Israel im Moment beschreiben?
Die Menschen sind erschöpft. Selbst viele, die den Krieg grundsätzlich unterstützen, haben genug davon, in ständiger Eskalation und Unsicherheit zu leben. Die Waffenruhe mag eine Atempause geschaffen haben, aber echte Stabilität spürt kaum jemand. Viele haben das Gefühl, dass die Lage jederzeit wieder kippen kann.
Gleichzeitig verändert sich etwas. Lange wurde Krieg in der israelischen Gesellschaft als nahezu alternativlos hingenommen. Dieser Konsens beginnt zu bröckeln. Immer mehr Menschen fragen sich, was diese Kriege eigentlich bewirken - und ob sich dieser Kreislauf wirklich endlos fortsetzen muss.
Sind das die Gründe, warum eure Proteste gerade so stark wachsen?
Ja, immer mehr Menschen kommen an einen Punkt, an dem sie sagen: Es reicht. Und das beschränkt sich längst nicht mehr auf das klassische Friedenslager. Die Proteste erreichen inzwischen auch Menschen, die sich früher nie an Anti-Kriegs-Aktionen beteiligt hätten und nun das Bedürfnis verspüren, sich gegen die Regierung und ihre Politik des endlosen Krieges zu stellen.
Genau das erleben wir selbst. Standing Together hat nur wenige Tage nach Kriegsbeginn mit kleinen Protesten in Tel Aviv begonnen - damals mit gerade einmal rund hundert Teilnehmenden. Daraus ist jedoch schnell eine breitere Bewegung geworden, getragen von einem größeren Bündnis aus Organisationen und Initiativen. In den vergangenen Wochen sind Tausende zu Demonstrationen in Tel Aviv und an Dutzenden weiteren Orten gekommen, darunter Jerusalem und Haifa.
Dieser Stimmungswandel zeigt sich aber nicht nur auf der Straße. Vor ein paar Tagen saß ich im Taxi, und der Fahrer, ein palästinensischer Staatsbürger Israels, erzählte mir, wie erschöpft er sei – dass seit Corona eine Krise auf die nächste folge, ein Krieg auf den anderen. Er sagte, was die Menschen jetzt bräuchten, seien Vereinbarungen, nicht noch mehr Krieg. Dieses Gefühl reicht also weit über diejenigen hinaus, die bereits demonstrieren.
Diese Regierung entscheidet sich immer wieder für Eskalation statt für politische Vereinbarungen, selbst dann, wenn es Alternativen gäbe.
Was genau meinst du, wenn du vom „endlosen Krieg“ sprichst?
Für uns sind die Kriege in Gaza, im Libanon, mit Iran und im Westjordanland keine voneinander getrennten Konflikte. Sie sind verschiedene Fronten derselben politischen Strategie. Die extreme Rechte versucht, einen permanenten Kriegszustand aufrechtzuerhalten. Die Menschen sollen in Angst leben, sich hinter der Flagge versammeln und zunehmend die Fähigkeit verlieren, sich der Regierung zu widersetzen.
Besonders deutlich wurde das, als eine unserer Demonstrationen angeblich aus Sicherheitsgründen verboten wurde. Tatsächlich hatten wir sie verantwortungsvoll organisiert - direkt über großen öffentlichen Schutzräumen. Aber als ich dort stand, hatte ich keine Angst vor einer iranischen Rakete, sondern vor der Polizei. Das zeigt sehr deutlich, wie Krieg auch im Inneren wirkt: als Mittel, Protest einzudämmen und die Zivilgesellschaft zu schwächen.
Klar ist aber auch: Die Bedrohungen sind real. Iranische Raketen sind real. Die Hisbollah ist real. Menschen werden verletzt und getötet. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie eine Regierung darauf reagiert. Diese Regierung entscheidet sich immer wieder für Eskalation statt für politische Vereinbarungen, selbst dann, wenn es Alternativen gäbe. Langfristige Sicherheit wird nicht durch endlose militärische Konfrontation entstehen, sondern durch politische Abkommen. Und das beginnt damit, die Besatzung im Westjordanland und im Gazastreifen zu beenden und Frieden zwischen Israel und Palästina zu erreichen. Darauf könnten dann auch weitergehende Friedensabkommen in der gesamten Region aufbauen.
Gleichzeitig sind Gaza und das Westjordanland fast aus den Schlagzeilen verschwunden. Wie ist dort gerade die Situation?
Im Schatten des Krieges verschärft sich die Lage weiter.
Im Westjordanland hat die Gewalt von Siedlern ein neues Ausmaß erreicht. Dörfer werden angegriffen, Häuser angezündet, Palästinenser*innen getötet — oft ohne jede Konsequenz. Die Armee und die Polizei greifen nicht ein.
In Gaza kontrolliert die israelische Armee weiterhin über die Hälfte des Gebiets, bombardiert weiter und blockiert nach wie vor Hilfslieferungen und Medikamente. Das Leid der Menschen ist immens. Doch sobald sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen anderen Krieg richtet, verschwinden diese Realitäten weitgehend aus der Debatte.
Wie groß ist der Druck, unter dem die Anti-Kriegs-Proteste stehen?
Er ist enorm. Die Polizeigewalt ist massiv. Gleichzeitig hat die Repression in gewisser Weise auch das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt war. Sie hat sichtbar gemacht, dass es nicht nur darum geht, ob man den Krieg unterstützt oder ablehnt — sondern auch darum, ob Menschen überhaupt noch das Recht haben zu protestieren.
Natürlich hält diese Repression manche fern. Besonders verletzlich sind Palästinenser*innen, aber auch ältere Menschen oder Familien mit Kindern zögern eher, sich anzuschließen. Zugleich haben durch das harte Vorgehen aber auch mehr Menschen verstanden, worum es hier eigentlich geht.
Was wollt ihr in den kommenden Wochen erreichen?
Wir versuchen, diese wachsende Frustration in organisierte politische Kraft zu verwandeln. Wenn Menschen keine öffentliche Stimme hören, die eine andere Position vertritt, beginnen sie zu glauben, dass Widerspruch gar keine Option mehr ist. Genau das wollen wir durchbrechen. Wir sagen: Doch, diese Haltung ist möglich. Viele Menschen hier denken so. Wir sind auf der Straße, wir erheben unsere Stimme - und du kannst Teil davon sein.
In der EU werden die Forderungen lauter, das EU-Israel-Assoziierungsabkommen auszusetzen und Waffenlieferungen zu stoppen, um Druck auf die israelische Regierung auszuüben. Wie ist eure Haltung dazu?
Standing Together konzentriert sich vor allem darauf, Druck innerhalb der israelischen Gesellschaft aufzubauen. Denn grundlegender politischer Wandel wird letztlich von dort kommen müssen.
Gleichzeitig würde ich Menschen weltweit dazu aufrufen, die Zivilgesellschaft in Israel zu unterstützen — Jüdinnen und Juden ebenso wie Palästinenser*innen, die sich dieser Regierung widersetzen, diesen Kriegskurs ablehnen und für Frieden kämpfen — und unserer Regierung keinen Blankoscheck auszustellen.