Frieden beginnt auf der Schulbank

Wie ein Bildungsprojekt für Frauen in einem jordanischen Geflüchtetencamp zur Friedensarbeit für die ganze Gemeinschaft wurde

Manche Friedensprojekte beginnen mit Verhandlungen. Dieses beginnt mit dem Rat eines Vaters an seine Tochter: „Lernt.“ Jahrzehnte später prägt dieser Satz das Leben vieler Menschen im Geflüchtetencamp Jerash noch immer. Wie genau, erfahre ich im Juli, als ich gemeinsam mit Kolleginnen nach Jordanien reise und unsere Partnerorganisation Hopes besuche.
Wandmalerei in Jordanien
© Pro Peace

Mit einem alten Nissan Micra rattern wir durch ein Viertel der nordjordanischen Stadt Jerash. Hier soll das am dichtesten besiedelte Geflüchtetencamp des Landes stehen. Irgendwann stelle ich überrascht fest, dass wir es längst erreicht haben. Ich hatte Zelte erwartet. Stattdessen stehen graue, zweistöckige Häuser dicht an dicht. Stromkabel ziehen sich kreuz und quer über die Gassen, Männer schrauben in Garagen an alten Autos, zwei kleine Kinder laufen mit einem aus Kisten gebauten Bobbycar an uns vorbei.

Dann taucht auf der linken Straßenseite ein unscheinbares Schild auf: Hopes („Hoffnungen“). Hinter dem Tor leuchten Wandmalereien in kräftigen Farben. Vögel, Olivenbäume und viel Hellblau. Vor dem Eingang wartet Safiya mit einem breiten Lächeln. Während sie mich in ihr schlichtes Büro führt, höre ich aus einem der Nebenräume Kinder lachen.

© Pro Peace
Das Jerash Camp entstand 1968 als provisorische Unterkunft. Heute ist es für Zehntausende Menschen zur dauerhaften Heimat geworden.

Das Camp entstand 1968 am Rand der Stadt als provisorische Unterkunft für Palästinenser*innen, die aufgrund des Sechs-Tage-Kriegs 1967 aus dem Gazastreifen fliehen mussten. Fast sechs Jahrzehnte später sind die schmalen Gassen für mehr als 45.000 Menschen über Generationen hinweg zur Heimat geworden. 

„Ich kann euch nichts hinterlassen“

Safiya Abu Shnein wurde 1973 im Camp geboren. An ihre Kindheit erinnert sie sich trotz aller Entbehrungen gern. Sie erzählt von dem Freiheitsgefühl, mit den anderen Kindern durch die Gassen zu streifen. Dann verändert sich ihr Blick. Eine Erinnerung habe sie nie losgelassen. Früh morgens musste sie mit ihrem Vater anstehen, um Lebensmittelhilfen abzuholen. Reis. Zucker. Öl. „Ich habe das gehasst“, sagt sie. „Ich wollte als Kind nicht stundenlang in der Schlange stehen, während die Menschen sich drängten, um ihre Rationen zu bekommen.“

Ihr Vater zog daraus eine Lehre. „Ich kann euch nichts hinterlassen“, sagt er seinen Kindern immer wieder. „Aber ich kann euch sagen: Lernt. Bildet euch, damit ihr euer Leben verändern könnt.“ Safiya schweigt kurz. „Vielleicht“, sagt sie schließlich, „kommt daher mein Wunsch, junge Menschen zu unterstützen.“

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Farben statt grauer Mauern: Die Wandmalereien im Innenhof stehen für Hoffnung und Zusammenhalt.

Aus dieser Überzeugung heraus übernahm sie Jahre später die Leitung der Organisation Hopes im Jerash Camp. Anfangs richtete sich die Arbeit ausschließlich an junge Frauen. Über Spenden finanzierte Universitätsstipendien sollten ihnen ermöglichen, finanziell unabhängig zu werden – und damit selbst über ihre Zukunft zu entscheiden.

Der Bedarf dafür ist bis heute groß. Zwar hat sich die Bildungssituation im Camp deutlich verbessert. Nach Untersuchungen des Forschungsinstituts Fafo aus dem Jahr 2019 besuchen Mädchen heute sogar etwas häufiger eine Schule oder Hochschule als Jungen. Trotzdem verhindern Armut, frühe Heirat und traditionelle Rollenbilder noch immer, dass viele ihren Bildungsweg fortsetzen können.

Wie tief diese Benachteiligung von Mädchen im Camp verwurzelt ist, verstehe ich erst später bei einer Tasse türkischem Kaffee. Meine Kollegin Jana Abdo, die die Zusammenarbeit mit Hopes letztes Jahr begleitete, erzählt von einem Satz, den viele Mädchen von ihren Familien hören: „Nein zu Grün.“ Grün ist die Farbe der Schuluniformen für Mädchen an öffentlichen Schulen. 

Bildung allein reicht nicht

Als wir durch das Gebäude gehen, wird schnell klar, dass Hopes heute längst mehr ist als ein Ort für Universitätsstipendien. Hinter einer Tür spielen Kinder miteinander, nebenan sitzen Jungen über einem Schachbrett gebeugt. 

Safiya bleibt kurz vor einer Tür stehen. Irgendwann, erzählt sie, habe sie gemerkt, dass Bildung allein viele Probleme von Mädchen und jungen Frauen nicht lösen konnte. Jeden Abend kehrten sie in dieselben Familien zurück – in Häuser, in denen traditionelle Rollenbilder, wirtschaftliche Not und manchmal auch Gewalt ihren Alltag bestimmten.

Aus dem Bildungsprojekt für Frauen entwickelte sich Hopes deshalb Schritt für Schritt weiter. Heute arbeitet die Organisation mit Jungen und Mädchen, Frauen und Männern gleichermaßen – unter anderem mit Jugendprogrammen, beruflichen Fortbildungen und einem Kindergarten. Doch obwohl Hopes immer mehr Menschen erreichte, blieb ein Problem bestehen: Die Gewalt innerhalb vieler Familien nahm weiter zu.

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Safiya Abu Shnein leitet die Organisation Hopes im Jerash Camp.

Während wir den Flur entlanggehen, erzählt Jana, die mich begleitet, wie die Zusammenarbeit mit Pro Peace begann. „Gemeinsam wollten Hopes und Pro Peace verstehen, welche Herausforderungen die Familien im Camp belasteten“, erinnert sie sich. „In Gesprächen mit Bewohner*innen zeigte sich schnell: Viele Menschen standen unter einem enormen psychischen Druck und wussten nicht, an wen sie sich wenden konnten.“

Als die Menschen anfingen zu erzählen

Aus den Gesprächen entstanden schließlich psychosoziale Familiengruppen. Dort lernen Familien, besser mit Stress umzugehen, einander zuzuhören und Konflikte gewaltfrei auszutragen. Die Teilnehmenden sprachen über Probleme, die ihren Alltag prägten: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, häusliche Gewalt und psychische Belastungen. 

„Die Gesprächsgruppen waren viel erfolgreicher, als wir selbst erwartet hatten,“ erzählt Safiya lächelnd. „Immer mehr Menschen vertrauten uns Dinge an, über die sie nicht einmal mit ihren engsten Angehörigen gesprochen hatten.“

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Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt Safiya ständig neue Angebote für die Menschen im Camp.

Jana erklärt, dass auch die Gestaltung der Gesprächsgruppen entscheidend war. Zunächst trafen sich Männer und Frauen getrennt, erst später wurden die Familien zusammengeführt. „Viele Frauen hätten sich in Anwesenheit ihrer Männer nie geöffnet. Erst als sie unter sich waren, begannen sie, über das zu sprechen, was sie wirklich belastete.“ 

Viele dieser Belastungen hängen laut einer Fafo-Studie aus dem vergangenen Jahr eng mit der besonderen rechtlichen Situation der Menschen im Camp zusammen. Da die meisten ehemaligen Bewohner*innen des Gazastreifens bis heute keine jordanische Staatsangehörigkeit besitzen, haben sie nur eingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt und zu staatlichen Leistungen.

Die Gesprächsgruppen machten deutlich, welche Folgen diese Lebensrealität für viele Familien hat. Immer häufiger baten Frauen nicht nur um ein offenes Ohr, sondern um konkreten Schutz. Doch Hopes allein konnte diese Hilfe nicht leisten – es fehlten Anlaufstellen und konkrete Hilfsangebote.

Hilfe braucht viele Hände

Ein Fall lässt Safiya bis heute nicht los. Als sie erzählt, fällt mein Blick auf ihre Hände. Sie hat sie fest ineinander verschränkt. „Eine junge Mutter aus dem Camp floh mit ihrem kleinen Sohn vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu ihrer Familie. Doch auch dort fand sie keinen Schutz. Ihr Vater wollte sie zwingen, zu ihrem Mann zurückzukehren. Schließlich versuchte er sogar, sie zu töten. Nachbarn konnten sie im letzten Moment retten.“ Für einen Moment schweigt sie.

Gemeinsam mit dem Sozialdienst der UNRWA vermittelte Hopes der jungen Frau eine sichere Unterkunft. Sie wurde unterstützt, bis sie sich von ihrem Mann scheiden lassen konnte. 

„Dieser Fall hat uns eindrücklich gezeigt, wie wichtig es im Ernstfall ist, schnell zu wissen, wer die passende Unterstützung anbieten kann.“ Gemeinsam suchten Hopes und Pro Peace deshalb nach einer Lösung. Daraus entstand ein Netzwerk, das die Organisationen im Camp erstmals miteinander verbindet. Wer heute Hilfe braucht, wird direkt an die passende Stelle weitergeleitet – Hopes ist beispielsweise Ansprechpartner bei Schulabbrüchen.

Jana sieht darin den Ausgangspunkt für die nächste Phase der Zusammenarbeit. „Mit den psychosozialen Gesprächsgruppen und dem Organisationsnetzwerk, das meine Kollegin Dina gemeinsam mit Hopes aufgebaut hat, haben wir gezeigt, wie viel wir gemeinsam erreichen können. Jetzt knüpft meine Kollegin Sarra daran an und entwickelt ein langfristiges Projekt, das die Gleichberechtigung im Camp weiter stärken soll.“

Bevor ich nachfragen kann, höre ich aus dem Nebenraum das Klappern von Tellern. Der Duft von Zimt, Kardamom und Kreuzkümmel zieht durchs Gebäude. Im Seminarraum wartet schon das Mittagessen: Hummus, Salate, Auberginenpaste – und in der Mitte ein großer Topf Maqluba.

Das palästinensische Reisgericht bedeutet übersetzt „auf den Kopf gestellt“. Warum es so heißt, verstehe ich Sekunden später, als ein Kollege den riesigen Topf schwungvoll auf einen großen Teller stürzt. Der dampfende Reis bleibt wie ein kleiner Turm stehen.

Am anderen Ende des Tisches sitzt ein junger Mann und lächelt mir zu: Mohammad Ayyash.

„Lasst eure Augen zuhören“

Nach dem Essen setzen wir uns in einen ruhigen Raum. Mohammad kennt Hopes seit seiner Kindheit. Als Junge nahm er an den Sommer- und Wintercamps teil, später besuchte er mit seiner Mutter die Gesprächsgruppen. Heute arbeitet er als Workshopleiter und gibt vieles von dem weiter, was er hier selbst gelernt hat. 

Mohammad spricht schnell, gestikuliert viel und lächelt immer wieder. Er erzählt von einer Übung, die ihn bis heute begleitet: „Ich saß einer anderen Teilnehmerin gegenüber und wir sollten uns einfach nur ansehen. Der Trainer sagte damals: ,Lasst eure Augen zuhören und eure Ohren sehen.ʻ Seitdem höre ich den Menschen wirklich zu – mit meinen Augen und meinen Ohren.“

© Pro Peace
Mohammad nahm schon als Kind an den Angeboten von Hopes teil. Heute gibt er seine Erfahrungen als Workshopleiter an andere weiter.

Mohammad hat selbst eine körperliche Behinderung. Im Camp führt das oft dazu, dass Menschen ausgegrenzt werden. Heute leitet er deshalb unter anderem Workshops über Inklusion und gegenseitigen Respekt. „Ich bin überzeugt, dass Frieden in unserem täglichen Handeln beginnt – darin, wie wir miteinander umgehen. Es spielt keine Rolle, wo wir herkommen. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam ein Umfeld schaffen, in dem sich alle sicher und wohlfühlen.“ 

Als ich mich später verabschiede und noch einmal über den Innenhof gehe, laufen zwei kleine Mädchen mit Stofftaschen an mir vorbei und verschwinden im Gebäude. Ich muss an Mohammad denken, der als Kind selbst regelmäßig hierherkam.

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Direkt hinter dem Hopes-Zentrum liegt die UNRWA-Schule, in der Mohammad heute selbst Workshops leitet.

Zum Abschied frage ich Safiya, was sie sich für die Zukunft des Camps wünscht. Sie überlegt einen Moment: „Ich habe den Traum, dass diese jungen Menschen eines Tages die gleichen Chancen bekommen wie alle anderen und ein würdevolles Leben führen können, ohne ständig das Gefühl zu haben, Geflüchtete zu sein. Denn am Ende sind sie das zwar – aber vor allem sind wir alle Menschen.“