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Libanon: Friedensarbeit mitten im Chaos

Wie Pro Peace im Libanon und seine Partner sich immer wieder an die Oberfläche kämpfen

4 Kinder sitzen gemeinsam auf einem Fußballfelder und schreiben auf einem einem Plakat, das zwischen ihnen liegt.
© Pro Peace

Auf einem Schulparkplatz im Norden des Libanon hängen bunte Wäscheleinen zwischen staubigen Autos. Die zehnjährige Sarah wirft einen Ball in Richtung einer Gruppe von Kindern. Eine Stunde zuvor saß sie noch still auf den Stufen der Schule, die Schultern hochgezogen, die Finger zuckend. Ihre Augen begegneten denen der anderen nicht. Aber jetzt - lächelt sie.

Sarah ist eines von 250 Kindern, die an Sports for Peace (S4P) teilnehmen. Das Projekt von Pro Peace Libanon und seiner Partnerorganisation Al Midan bringt Kinder aus marginalisierten Gemeinschaften zusammen, um zumindest für eine Stunde pro Woche zu spielen, frei zu atmen und sich sicher zu fühlen.

S4P begann im September 2023 als eine Art Forschungsprojekt, wie sportliche Aktivitäten und Friedenserziehung zusammenwirken können, um Jugendlichen im Umgang mit Konflikten zu helfen. Von sozialer Ausgrenzung bedrohte junge Menschen verschiedener Ethnien sollten gestärkt werden, um Konfliktbearbeitung, Dialog, Respekt und Fairness zu fördern.

Für Kinder und Jugendliche kann Sport einen wichtigen Ausgleich in herausfordernden Zeiten darstellen.

Der Libanon kommt nicht zur Ruhe

Die libanesische Bevölkerung ist seit Jahrzehnten im Überlebensmodus. Nach einem brutalen 15-jährigen Bürgerkrieg zwischen religiösen und politischen Gruppen folgten wiederholte bewaffnete Konflikte mit Israel, verheerende Invasionen und Bombardierungen. Die Auswirkungen regionaler Kriege und die Aufnahme von Millionen von Flüchtlingen setzten die ohnehin schwache Infrastruktur unter immensen Druck.

Ausgelöst durch jahrelange Korruption und Misswirtschaft folgte ab 2019 ein völliger wirtschaftlicher Zusammenbruch. Im Jahr 2020 erschütterte die Explosion im Hafen von Beirut die erschöpfte Bevölkerung. Seitdem ist der Libanon politisch gelähmt, und die Lebensbedingungen verschlechtern sich zusehends.

Im jüngsten Krieg seit September 2024 griff Israel den Süden des Libanon und die südlichen Vororte von Beirut an und löste eine Massenflucht aus. Pro-Peace-Mitarbeitende und -Partner waren bereits körperlich, emotional und mental ausgelaugt. Viele hatten ihr Zuhause, ihre Ersparnisse und jedes Gefühl von Stabilität verloren. Doch sie passten sich an und machten weiter, mobilisierten Hilfe und unterstützten andere - oft, während sie selbst direkt betroffen waren.

Sport und Kreativität für den Frieden

Al Midan und Pro Peace wandelten den bestehenden S4P-Rahmen in eine Nothilfe um. Geflüchteten Familien wie der von Sarah, deren Haus im Süden in Schutt und Asche gelegt worden war, boten sie in Notunterkünften im Norden des Libanon psychosoziale Unterstützung durch Spiel und Sport an.

Nach dem Angriff Israels auf den Süden des Libanon wandelten Pro Peace und seine Partnerorganisation das Projekt Sports for Peace in eine Nothilfe um.

Die Kinder kamen sehr verschlossen. Einige hatten seit Tagen nicht mehr gesprochen. Einige hatten seit Wochen nicht mehr richtig gegessen. Doch mit der Zeit ersetzte das Spiel die Angst. Der Klang einer Trillerpfeife auf einem staubigen Schulhof wurde zu einem kleinen Versprechen: Hier bist du sicher, fürs Erste. Der Schulleiter berichtet: "Die Familien kamen mit nichts als Angst, sie verließen ihre Häuser, ohne zu wissen, wohin sie gehen. Die Kinder mussten sich bewegen, schreien, lachen. Sie mussten sich wieder lebendig fühlen."

Emotionale Erste Hilfe durch expressive Kunst

In Beirut fand eine andere Art der Heilung statt. Laban, eine Theatergruppe, die sich der Friedensarbeit auf Gemeindeebene verschrieben hat, weigerte sich sogar während der Drohnenangriffe, ihre Arbeit zu unterbrechen. Gemeinsam mit Pro Peace schuf Laban sichere Räume, in denen geflüchtete Kinder ihre Gefühle teilen, ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten und Momente des Spiels und der Freude zurückgewinnen konnten. Unter Bedingungen, in denen Worte oft versagen, wandten sich die Kinder Farben, Bewegung und Kreativität zu, um ihre eigenen Gefühle auszudrücken. „Wir mussten schnell handeln“, sagt Farah Wardani, künstlerische und geschäftsführende Direktorin von Laban. „Die Familien suchen Schutz in den Schulen, und der Bedarf an Unterstützung ist überwältigend.“

"Die Familien kamen mit nichts als Angst, sie verließen ihre Häuser, ohne zu wissen, wohin sie gehen. Die Kinder mussten sich bewegen, schreien, lachen. Sie musste sich wieder lebendig fühlen."

Die Aktivitäten konzentrierten sich auf traumainformierte Begleitung, expressive Kunst, Bewegung und Theater. Das bot den Kindern nicht nur Ablenkung, sondern auch einen Weg zur Verarbeitung ihrer Gefühle. Es war eine Art emotionale Erste-Hilfe-Maßnahme und erinnerte die Kinder daran, dass ihre Geschichten wichtig sind und dass Freude noch möglich ist.

Die Mitglieder von Laban helfen Menschen, die in Notunterkünften leben, während sie selbst ebenfalls auf der Flucht sind und in anderen Notunterkünften leben. „Es ist wichtig, in dieser Zeit einen Sinn zu finden und sich gegenseitig zu unterstützen“, erklärt Farah, „und die Arbeit vor Ort gibt uns einen Sinn.“

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Wenn sich Kriegsgedenken und aktueller Krieg überlagern

Eine andere Form der Friedensarbeit bot eine dritte Initiative, die Ausstellung „Hkeeli“ („Erzähl mir“) in Beit Beirut, einem Gebäude, das seit dem libanesischen Bürgerkrieg wie in der Zeit stehengeblieben wirkt. Eröffnet kurz nach der Ausrufung des Waffenstillstands im November 2024, markierte die Ausstellung den 50. Jahrestag des Beginns des libanesischen Bürgerkriegs. Der Zeitpunkt dieses Gedenkakts war von bitterer Ironie geprägt - nur wenige Monate zuvor hatte der neuerliche Krieg das Land erfasst, und trotz eines Waffenstillstands wüteten Luftangriffe im ganzen Land. Die Besuchenden, die gekommen waren, um über einen Krieg nachzudenken, der vor einem halben Jahrhundert begonnen hatte, waren zum Teil gerade erst in ihre Häuser zurückgekehrt, die in der jüngsten Phase der Gewalt zerstört worden waren. Die Dissonanz war groß: Wie kann eine Gesellschaft auf einen Krieg zurückblicken, wenn die Narben eines anderen noch frisch sind?

Die Ausstellung "Hkeeli" erinnert seit November 2024 an den Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs vor 50 Jahren. Kurz vor der Eröffnung war im Libanon erneut Krieg ausgebrochen.

Doch diese Spannung verlieh der Ausstellung Kraft. Sie erinnerte die Besuchenden daran, dass die Vergangenheit des Libanon überhaupt nicht vergangen ist und dass die Erinnerung ebenso viel mit der Gegenwart zu tun hat wie mit der Geschichte. Hkeeli behandelte das Erinnern als öffentliche Verantwortung, nicht als private Last. Das fand Anklang. Allein am Eröffnungstag kamen mehr als 1.000 Menschen. Seit dem 13. April sind mehr als 10.000 Menschen durch die Türen des Museums gegangen.

Eine Reihe von Installationen in den Räumen von Beit Beirut lud dazu ein, sich nicht nur beobachtend, sondern teilnehmend durch die Erinnerung zu bewegen. Die Ausstellung basiert auf Begegnungen mit Klang, Stille, persönlichen Berichten und Zeit. Vielleicht hören sie eine Stimme, die wie jemand klingt, den sie lieben. Vielleicht finden sie ein Stück von sich selbst, das sie längst vergessen hatten. Vielleicht verstehen sie endlich die Geschichte ihrer Eltern. Zwischen den von Granateneinschlägen übersäten Wänden waren die Besuchenden aufgefordert, zuzuhören: Den Familien der Verschwundenen, dem Nachhall vergangener Kriege und der eindringlichen Resonanz des aktuellen Krieges. An einer Wand hingen Hunderte von Schlüsseln - einige von während des Bürgerkriegs zerstörten oder verlassenen Häusern, andere von Friedensaktivist*innen gespendet, die im aktuellen Krieg vertrieben wurden. Ein Kreis des Verlustes, der sich nicht schließen will. „Es ist schwer, von den Menschen zu verlangen, dass sie sich erinnern, während wir das immer noch durchleben“, sagt ein Museumsführer, „wir haben nie wirklich aufgehört.“

Die internationale Gemeinschaft muss sich entscheiden

Ein stiller Widerspruch ist in diese Arbeit eingewoben. Während Bomben fallen und Häuser zusammenbrechen, treffen auch Gelder ein. Dieselbe Welt, die die Friedensbemühungen von Pro Peace und seinen Partnern unterstützt, verbündet sich zugleich mit den Kräften, die diese zunichtemachen. Ein Pro-Peace-Partner sagte es unverblümt: „Wir sollen Frieden schaffen, während unsere Häuser zerstört werden. Wir werden finanziert, um Traumata zu heilen, die eben dieses globale System verursacht hat.“

Der Sport zeigt Wege auf, wie Konflikte mit Dialog, Fairplay und Respekt anstatt von Gewalt gelöst werden können.

Pro Peace und seine Partner glauben an die Macht der Zivilgesellschaft. Aber Friedenskonsolidierung lässt sich nicht von Politik trennen. Sie kann nicht auf das Versorgen von Wunden reduziert werden, die von Systemen verursacht wurden, die wir nicht in Frage stellen wollen. Es widerspricht jeder Logik, zu behaupten, für Gewaltfreiheit einzutreten, und gleichzeitig zu der im Ausland unterstützten Gewalt zu schweigen. Wir müssen uns fragen, wie wir den Frieden wirklich unterstützen können, indem wir uns kritisch mit politischen Maßnahmen auseinandersetzen, die den Kreislauf der Gewalt nicht nur aufrechterhalten, sondern noch vertiefen.

Frieden muss in Bewegung bleiben

Das libanesische Sprichwort "El aamal howwe el dawa" - „Arbeit ist das Heilmittel“ ist bittersüß. Denn während die Arbeit Menschen in Bewegung hält, verzögert sie auch ihren Schmerz. Friedensfachkräfte sind keine Superheld*innen. Sie sind verwundet, ausgelaugt und trauern - in Bewegung. Die Menschen im Libanon können mit der Lage nur umgehen, indem sie handeln und den Raum füllen, in dem die Gefühle sie sonst erdrücken würden. Es gibt keine andere Wahl. Getrauert wird später - jetzt braucht jemand Hilfe. Ein Kind braucht ein Spiel. Eine Bühne braucht eine Stimme. Eine Erinnerung muss gewürdigt werden.

Auch die Mitarbeitenden von Pro Peace und seinen Partnerorganisationen waren vom Krieg direkt betroffen. Trotzdem trugen sie die Projekte voran und schöpften Hoffnung aus ihrer Arbeit.

Die Geschichte des Libanon blutet noch immer in seine Gegenwart hinein. Aber das gilt auch für seinen unaufhaltsamen Geist. Die libanesische Bevölkerung ist bereit, eine Zukunft aufzubauen, aber dafür muss die Welt aufhören, zu ihrer Zerstörung beizutragen, und anfangen, ihr Recht auf ein Leben in Frieden zu unterstützen.

Milliarden von Euro werden für Waffen ausgegeben, die die Welt zerstören, die Pro Peace und seine Partner zu heilen versuchen. Jede Politik, die das Leiden der Zivilbevölkerung ignoriert, sagt Kindern wie Sarah, dass ihr Schmerz ein akzeptabler Kollateralschaden ist.

Frieden ist kein Ziel. Er ist ein täglicher Akt. Ein gemeinsames Theaterstück in einem verfallenen Theater. Das Lachen eines Mädchens auf einem Schulparkplatz. Ein Schlüssel, der an einer Wand hängt und darauf wartet, dass die Tür wieder geöffnet wird.

Wir sind immer noch hier. Wir arbeiten und bauen immer noch auf. Hoffen immer noch. Wir werfen immer noch den Ball.

Carole Maroun arbeitet im Libanon-Team von Pro Peace.

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