„Die Menschen haben Angst, sich den Krieg ins Haus zu holen“
Ein Gespräch über den Krieg in Nahost, die wachsenden Spannungen im Libanon und die Rolle der Friedensarbeit
Hunderte Tote, Hunderttausende Vertriebene: Der Krieg im Nahen Osten trifft den Libanon mit voller Wucht. Schwere Gefechte zwischen der israelischen Armee und der vom Iran unterstützten Hisbollah erschüttern das Land. Wir haben mit Pro Peace-Landesdirektor Mike Thanner darüber gesprochen, wie die libanesische Zivilbevölkerung den Krieg erlebt, wie sich gesellschaftliche Gräben vertiefen – und wie Pro Peace die Menschen jetzt unterstützen kann.
Seit zwei Wochen erschüttern israelische Luftangriffe Beirut. Wie geht es dir und deinem Team?
Im Moment geht es mir ganz gut. Ich wohne etwas außerhalb von Beirut, aber auch hier ist der Krieg spürbar. Ich höre die ständigen Einschläge, sehe die Rauchsäulen über der Stadt. Und natürlich erhalte ich viele besorgte Nachrichten von Kolleg*innen und Freund*innen.
Trotz der aktuellen Situation bin ich regelmäßig in unserem Büro im Zentrum von Beirut und freue mich, dort mein Team zu sehen. Für viele ist es jetzt wichtig, sich nützlich zu fühlen. Sie arbeiten noch mehr als sonst, obwohl in den Nächten wegen der Bombardierungen kaum noch Schlaf möglich ist. Aber alle sind voller Tatendrang! Kleinere Probleme sind in den Hintergrund gerückt. Wir schauen gemeinsam auf das, was wir tun können.
Wir leisten keine klassische humanitäre Hilfe, aber wir konnten einiges auf den Weg bringen – auch dank der Spendengelder, die wir erhalten haben.
Wie ist derzeit die Lage der Zivilbevölkerung im Libanon?
Seit zwei Wochen erleben wir massive Fluchtbewegungen: erst Zehntausende, dann Hunderttausende. Inzwischen sind es nach Schätzungen der Vereinten Nationen über eine Million, also fast ein Fünftel der Bevölkerung. Gleichzeitig gibt es immer neue Evakuierungsaufforderungen, der gesamte Süden soll entvölkert werden. Offenbar plant Israel, die Pufferzone an der Grenze auszuweiten. Bisher reichte sie bis zum Litani-Fluss, nun werden Orte bis zum weiter nördlich gelegenen Zahrani-Fluss evakuiert – fast auf Höhe von Sidon. Die Menschen sollen nach Norden fliehen, wo es aber kaum Aufnahmemöglichkeiten gibt. Vielleicht finden zehn bis fünfzehn Prozent der Vertriebenen eine Unterkunft, der große Rest nicht. Im Moment ist es noch sehr kalt und regnerisch. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo auf der Straße übernachten zu müssen – aber für viele ist genau das Realität.
Auch die südlichen Vororte von Beirut sollen evakuiert werden. Dort leben fast eine halbe Million Menschen. Neu ist, dass die Aufforderungen zur Evakuierung nicht mehr nur einzelne Häuser betreffen, sondern ganze Stadtviertel. Und diese Aufforderungen kommen inzwischen fast täglich, weshalb sich immer mehr Menschen weigern zu gehen. Sie sagen: „Dann ist es jetzt in Gottes Hand, ob mein Haus getroffen wird.“
Wie denken die Menschen über den Krieg und die Rolle der Hisbollah?
Vor zwei Wochen hat die Hisbollah den Krieg in den Libanon geholt. Die Enttäuschung bei der Bevölkerung war groß. Viele kehren ihrer Partei den Rücken, weil sie diesen Konflikt nicht verstehen. Für sie ist das kein libanesischer, sondern ein iranischer Krieg. Die Menschen an der Basis fühlen sich betrogen. Gleichzeitig hält sich das Narrativ, dass die Hisbollah den Libanon verteidigen müsse, weil die libanesische Regierung dazu nicht in der Lage sei – und sich zuletzt sogar mit Israel verbündet habe.
Verstärkt dieser Krieg die Spaltung im Land noch weiter?
Die Städte und Dörfer im Süden des Libanon sind mehrheitlich schiitisch, ihnen gelten die Angriffe in erster Linie, da die Hisbollah eine schiitische Miliz ist. Im Norden wiederrum gibt es kaum schiitische Ortschaften. Das bedeutet, dass die Vertriebenen in sunnitischen, christlichen oder drusischen Gemeinden Zuflucht suchen müssen. Die Menschen dort haben wiederum Angst, dass sie sich den Krieg ins Haus holen, wenn sie Geflüchtete bei sich aufnehmen. Das verschärft nicht nur die humanitäre Not, sondern auch die Spannungen im Land. Seit dem Bürgerkrieg ist die Angst voreinander groß. Das ist ein Trauma, das vererbt wird.
Krieg und Vertreibung sind gerade für junge Menschen eine traumatische Erfahrung. Gemeinsam mit Partnern ermöglichen wir psychosoziale Unterstützung durch Sport und Spiel.
Was bedeutet die aktuelle Situation für eure Arbeit vor Ort?
Gemeinsam mit unseren Partnern prüfen wir, was jetzt möglich und sinnvoll ist. Wir leisten ja keine klassische humanitäre Hilfe, aber trotzdem konnten wir einiges auf den Weg bringen – auch dank der Spendengelder, die wir erhalten haben. Zum Beispiel bieten wir Ersthelfer*innen Räume, um ihre Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Und in Vertriebenencamps organisieren wir Angebote für Kinder, psychosoziale Unterstützung durch Sport und Spiel – einfach ein paar Stunden Abstand von der großen Realität des Krieges.
Wo es möglich ist, setzen wir unsere Arbeit fort, gerade im bisher weniger betroffenen Norden. In Zgharta etwa fangen wir gerade an, unser „Sports for Peace“-Projekt für Kinder und Jugendliche mit Autismus zu öffnen. Ich finde es wichtig, solche Angebote aufrechtzuerhalten. Das Leben geht ja weiter, so hart das auch klingen mag.
Wie schaust du auf die kommenden Wochen?
Wir bemühen uns, unsere bisherigen Projekte so gut es geht fortzuführen, und zugleich neue Aktivitäten aufzusetzen, die auf die aktuelle Lage reagieren. Und wir behalten die Zukunft im Blick: Die Spannungen zwischen der Aufnahmebevölkerung und den Vertriebenen werden ja bleiben. Das ist ein Feld, in dem wir mit unserer Konflikttransformation tätig werden können. Doch so weit sind wir noch nicht. Für die Menschen hier geht es erst mal darum, zu überleben und diesen Schock zu verarbeiten. Und auch wir sind keine Maschinen und müssen schauen, was die aktuelle Situation mit uns macht. Insgesamt hat sich unsere Arbeit verlangsamt, ist aber zugleich vielfältiger geworden. Dabei helfen uns vor allem die Spenden, die wir nun gezielt einsetzen können.
Das Gespräch führten Victoria Weden und Julius Burghardt. Unsere Friedensarbeit in Nahost können Sie mit einer Spende unterstützen: