Von Beginn an lag der Fokus unserer Kommunalen Konfliktberatung (KKB) auch darauf, wie wir die Qualität unserer Interventionen hochwertig gestalten, messen und entwickeln. Meilensteine auf diesem Weg waren unter anderem die Partizipative Forschung mit der Uni Augsburg sowie die Entwicklung eines eigenen Wirkungsmodells in Kooperation mit unserem Partner K3B in Salzwedel. Im Interview blicken wir auf diesen Weg mit zweien, die in Praxis und Wirkungsanalyse der KKB schon lange dabei sind: Sylvia Lustig (SL) und Wolfgang Dörner (WD).
Pro Peace: Soeben ist der Forschungsbericht aus unserer Kooperation mit der Universität Augsburg erschienen. Wie stelle ich mir denn so eine Partizipative Forschung methodisch vor?
SL: Die Partizipative Konfliktforschung ist in der Kooperation mit der Uni Augsburg gewachsen. Wir haben in der Forschungskooperation eine Kerngruppe von Mitarbeiter*innen der Universität und von Pro Peace gebildet. In dieser Gruppe sind Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen worden. Dabei gab es natürlich Konflikte. Und die wurden ausgetragen. Konflikte über unsere Positionen und Sichtweisen aus der Praxis von Pro Peace ebenso wie über wissenschaftliche Methoden und Sichtweisen von uns und den Wissenschaftler:innen. Das partizipative Herangehen im Forschen ist für unseren Ansatz der KKB schon sehr bedeutsam, da die KKB sehr komplex ist – und wenn die von den Forschenden nicht verstanden wird, können wir nicht zu guten Erkenntnissen kommen. Daher erscheint das Forschen mit uns statt über uns als Schlüssel zu praxisnaher Forschung.
WD: Für klassisches Forschen habe ich so eine Vorstellung von: Da ist das Subjekt und dann kommt die Universität und nimmt sich Daten und geht weg und macht dann Interpretation und spielt dann zurück, was sie herausgefunden hat. Das würde uns zum bloßen Forschungsgegenstand machen. Bei der Partizipativen Forschung sind wir Partner, weil: Dieser Verstehensprozess wurde nicht im stillen Kämmerlein gemacht, sondern im Gespräch mit uns. Dabei haben die Wissenschaftler*innen uns dann noch mal gefragt und wir konnten reagieren. Dabei sind diese Konflikte auch entstanden und wir sind in Erklärungsnot gekommen und sie sind in Erklärungsnot gekommen und das war das eigentlich Produktive bei diesem Verstehensprozess. Zum Beispiel sagten wir Praktiker:innen: In den Dokumenten wird ständig davon gesprochen, dass Konflikte bearbeitet werden und ihr sagt ständig, ihr findet keine Hinweise. Das ist so ein Beispiel, das kann im partizipativen Forschen aufgefangen werden. Weil wir gesagt haben: Moment, halt – Ihr kuckt falsch!
Pro Peace: Und was sind die für Euch wichtigsten Ergebnisse aus dieser Forschung?
WD: Zum einen hatte es etwas Konsolidierendes, Bestätigendens. Wir haben uns ja schon immer dazu Gedanken macht: Was ist denn unsere Wirkung? Wie kann das evaluiert werden? Ich fand es sehr gewinnbringend, das von außen nochmals bestätigt zu bekommen. Damit kann jemand, der die KKB nicht kennt, sehen, was die kleinen Elemente und die Mechanismen sind, die da funktionieren. Aber wichtig finde ich auch die Art und Weise des Forschens, dieser partizipative Ansatz: Wie gehen wir auch in Interaktion mit Universität, mit Forschung, mit Leuten, die von draußen drauf kucken. Da haben wir auch Selbstbewusstsein entwickelt.
Pro Peace: Hast Du mal ein Beispiel für einen konkreten Forschungsbefund?
WD: Ein Teil der Forschung war die Operationalisierung – dass die Universität da genauer beschrieben hat: Was heißt zum Beispiel Perspektivwechsel. Sie haben versucht, das in verschiedenen kleinen Elementen auszuformulieren. Es ist hilfreich, da ein weiteres Repertoire zu haben zum Erzählen, was die kleinen Schritte des Perspektivwechsels sind. Von einfach-nur-zuhören bis in-die-andere-Position-sich-hineinversetzen bis hin zu sie-akzeptieren und bei-Umsetzung-dann-zu-beachten. Das wurde hier schön ausformuliert. Perspektivwechsel ist mir jetzt als erstes eingefallen, das gilt aber eigentlich für alle Hypothesen – die haben es schöner beschrieben, genauer. Die Forschenden haben genau reingesehen: Was haben die Leute im Feld erzählt? Worin besteht denn für sie der Perspektivwechsel? Darin liegt ein Gewinn der Studie.
SL: Es gibt für mich eine Bestätigung und eine noch ausbaufähige Formulierung zur Methodik, wie man denn Wirkung tatsächlich in unserem hochkomplexen Feld der Konfliktbearbeitung beschreiben kann. Und da von einer Universität einen Bericht zu haben, in dem steht, dass es eben nicht um lineare Wirkungsketten gehen kann. Sondern dass es, wie auch in unserem internen Wirkungsgefüge angenommen, um Zusammenhänge geht, dass es um hochkomplexe Wechselwirkungen geht. Das ist in dem Forschungsbericht dargestellt. Das finde ich total wertvoll. Und bei den Einzelerkenntnissen ist festzuhalten: Es wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass KKB wirkt. Das ist ein riesen Ding. Das konnten wir ja nicht selber tun, weil wir nicht in diesem universitären Wissenschaftskontext sind. Und weil wir zu nah dran sind. Mit der Partizipativen Forschung ist das nun gelungen. Dort konnte auch gezeigt werden, dass Einzelwirkungen in der Synthese miteinander die Wirksamkeit von KKB als Ansatz ein Stück weit aufzeigen können. Die Einzelwirkungen sind nachweisbar, auch beschreibbar in den Dimensionen.
Pro Peace: Schon etwas länger im Umlauf befindet sich das zusammen mit unserer Partnerorganisation K3B vom VfB Salzwedel entwickelte „Wirkungsgefüge“ – was ist das genau?
SL: Wenn ich es ganz simpel beschreibe, dann ist das Wirkungsgefüge zunächst ein Überblick über die Wirkannahmen, die wir in Pro Peace und K3B über KKB in der lokalen Praxis haben. Diese Wirkungen wurden dann als Wirkungsgefüge oder -modell in Zusammenhang gebracht. Das Ergebnis ist eine übersichtliche grafische Darstellung. Wir konnten drei Wirkungsbereiche definieren. So dass wir jetzt viel klarer erkennen können: Okay, KKB wirkt einmal auf direkte Bearbeitung von Konfliktdynamiken, wirkt zum zweiten auf Kompetenzerweiterung von lokalen Akteuren und wirkt zum dritten auf die Bildung von Strukturen zur Konfliktbearbeitung in den Kommunen. Und darüber hinaus wurde uns im Entwickeln des Wirkungsgefüges der KKB deutlich, dass es im besten Fall einen Prozess gibt, den wir „lokale Verselbstständigung“ genannt haben, ein Prozess, der die sukzessive Verantwortungsübernahme lokaler Akteure für ihre Konflikte beschreibt. Und das war eben auch so ein richtig spannender Moment, der im Wirkungsgefüge festgehalten ist. Darüber hinaus formulieren wir im Wirkungsgefüge auch die Vision, also eine sehr hoch aggregierte Wirkung von „Beitragen zu positivem Frieden in einer pluralen Gesellschaft“.
Pro Peace: Wie ist denn das Wirkungsgefüge genau entstanden?
SL: Wir sind in einem ungefähr zweijährigen Prozess mit Beteiligung von ganz vielen Mitarbeitenden aus Pro Peace und K3B zu diesem Wirkungsgefüge gelangt. Und zu noch viel mehr, was Gegenstand einer gemeinsamen Handreichung der beiden Organisationen ist, die wir gerade noch ausarbeiten. Wir sind dabei ausgegangen von einer Hypothesensammlung, an der auch die Uni beteiligt war. Wir haben dazu gemeinsam Hypothesen aus konzeptionellen Dokumenten, aber auch mit Hilfe von Interviews und Fokusgruppen gesammelt. Es waren rund 100 Wirkhypothesen. Und dann ist Forschung einen Weg gegangen und parallel dazu gab es auf der Basis derselben, großen Hypothesensammlung unseren Wirksamkeitsprozess. Und das ist ein Prozess der Praxis gewesen, in dem wir uns selbst damit auseinandergesetzt haben: Wie blicken wir eigentlich auf unsere Arbeit und wie würden wir die abbilden auf Basis dieser vielen Hypothesen, die dann zusammengeschrumpft sind eben auf acht im direkten Wirkungsbereich. Da kann man eine Idee davon bekommen, wie intensiv diese Auseinandersetzung und diese Diskussionen damals waren, von 100 auf acht. Inzwischen diente das Wirkungsgefüge schon für die Kommunikation in Beratungsteams oder mit lokalen Partnern und stiftete auch die Grundlage, um unsere Narrative über Wirkung der KKB auszuformulieren. Dabei sind wir ein Stück professioneller geworden.
Pro Peace: Und in welchem Verhältnis stehen nun das Wirkungsgefüge und die Ergebnisse der partizipativen Forschung zueinander?
WD: Das Wirkungsgefüge ist konzeptionelle Arbeit, basierend auf unseren Erfahrungen. Es hilft zu beschreiben, aber auch zu planen: Wie wollen wir vorangehen, woran wollen wir uns auch messen lassen. Also ein bisschen Projektlogik, Planungsinstrument und Bezugspunkt. Und dagegen abgegrenzt, die Arbeit mit der Universität: dieses Externe. Jemanden anderen darauf kucken zu lassen. Auch auf das Material. Nebenbei gesagt, waren die ja auch eher ein bisschen unzufrieden zuerst mit dem Material: ‚Warum ist alles so bruchstückhaft, so wenig vergleichbar?‘ Aber das war tatsächlich gerade das Gute: Weil es aus der Praxis kam, nicht extra für die Forschung generiert wurde. Das ist die Realität gewesen. Und die da mal darauf kucken zu lassen, das ist der Unterschied auch zwischen der Wirkungsforschung der Universität und dem Wirkungsgefüge, unserer internen Arbeit.
Pro Peace: Seht Ihr die Arbeit am Thema Wirkung auf Grundlage dieses Gefüges als abgeschlossen an oder können wir uns das als einen fortlaufenden, offenen Prozess vorstellen?
SL: Das sind gerade riesen Meilensteine, die wir erreicht haben. Ich bin immer wieder versucht weiterzudenken und das Erarbeitete weiter infrage zu stellen. Es ist eine bewusste Entscheidung, das im Moment nicht zu tun. Für mich hat das auch viel mit dem zu tun, wie wir arbeiten. Denn was die KKB so stark macht und ausmacht ist ja dieses Oszillieren zwischen Praxis und Konzeption. Das ist wirklich etwas, das wir gut können und gut machen, die ganzen Jahre. Was wir jetzt in konzeptioneller Arbeit entwickelt und in der Forschung gewonnen haben – das darf jetzt erstmal in der Praxis ankommen. Wir können nicht ständig in die Praxis Neues einspeisen. Wir müssen das auf eine Art und Weise tun, die möglichst sicherstellt, dass die Beratungsteams noch zielgerichteter und noch wirksamer handlungsfähig sind in ihren lokalen Zusammenhängen. Deshalb haben wir für frühestens 2027 eine Weiterarbeit am Wirkungsgefüge geplant. Es bleibt dennoch ein fortlaufender Prozess der Reflexion über Wirkung: Jetzt werden systematisch Daten aus der Praxis gesammelt und Wirkungen beschrieben, die in der Praxis geschehen und beobachtbar sind. Das ist jetzt unsere Beschäftigung mit Wirkung – da geht es nicht so sehr um Konzeptionelles, da geht es um praktisches umsetzen und schauen, was noch nachgebessert werden darf.
WD: Das sehe ich generell auch so! Wir habe die Grundsätze zur KKB, wir haben das Wirkungsgefüge, dann haben wir neue Impulse zu Machtasymmetrien. Wir haben immer wieder Impulse, die unser Nachdenken besser strukturieren. Dieses Oszillieren ist dabei elementar. Immer dieses Umsehen in Beratungsteams: Was leitet uns gerade, was hilft uns, was bringt uns weiter? Letztendlich ist es dieses Flexibelbleiben. Flexibilität für die lokale Situation vor Ort in einer Beratung ist genauso entscheidend wie sich an gut beschriebenen konzeptionellen Elementen orientieren zu können. Im letzten Forschungsbericht hatten wir dieses Bild der Fahrbahn-Markierung, das bei mir noch stark nachwirkt. Es sind eben keine Leitplanken, sondern Linien, über die man auch mal drüberfahren kann – wenn man einen Grund hat. Wenn man denkt, man muss jetzt mal querfeldein fahren und das ist effektiver, dann machen wir das.