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„Die Gewalt hat stark zugenommen“

Interview mit Fee Schreier zur Olivenernte im Westjordanland

Im Herbst beginnt im Westjordanland traditionell die Olivenernte. Für viele palästinensische Familien ist sie nicht nur kulturell bedeutsam, sondern auch eine wichtige Einnahmequelle. Doch vielerorts ist die Ernte von Gewalt, Einschränkungen und der Angst vor Angriffen durch israelische Siedler geprägt. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres mehr als 1.600 solcher Angriffe registriert. Fee Schreier, Leiterin des Programms von Pro Peace in Palästina und Israel, berichtet, wie die Menschen die Situation vor Ort erleben und was Friedensorganisationen tun können.
Aktivist*innen der Combatants for Peace bei der Olivenernte
© Ghassan Bannoura, CFP

Die Olivenernte ist traditionell eine besondere Zeit für die Menschen im Westjordanland. Wie sieht die Situation in diesem Jahr aus?

Fee Schreier: Die Ernte ist natürlich für viele Familien sehr wichtig, sowohl kulturell als auch wirtschaftlich, aber sie ist in diesem Jahr für viele Menschen deutlich schwieriger und gefährlicher. Denn zum einen ist der Zugang zu den Olivenhainen stark eingeschränkt. Das war auch schon in der Vergangenheit der Fall, aber in den letzten Jahren haben Checkpoints, Straßensperren und Zugangsbeschränkungen noch einmal massiv zugenommen. Und zum anderen nimmt die Gefahr von Angriffen durch Siedler*innen immer weiter zu. Das bedeutet, dass Familien ihre eigenen Olivenbäume nicht mehr erreichen können. Dabei geht es nicht nur um eine Ernte, sondern generell um die Verbindung der Menschen zu ihrem Land und ihrer Lebensgrundlage. Denn dafür steht der Olivenbaum in Palästina symbolisch.

Wie groß ist das Problem der Gewalt durch Siedler*innen inzwischen?

Das Problem ist tatsächlich sehr groß. Die Zahlen zeigen, wie stark die Gewalt zugenommen hat: Allein in den ersten neun Monaten diesen Jahres wurden mehr als 1.600 Angriffe durch Siedler*innen registriert, die zu Verletzungen, Todesfällen und Sachschäden geführt haben. Im Durchschnitt sind es mehr als sechs Angriffe jeden Tag. Es sind auch immer mehr Gemeinden davon betroffen. Allein dieses Jahr waren es 275. Für die Menschen bedeutet das Angst – Angst, ihr Land zu betreten, ihre Tiere zu versorgen oder sich auf den Straßen zu bewegen. Dazu kommt die Angst, an Straßensperren übernachten zu müssen oder bei einem medizinischen Notfall nicht durchgelassen zu werden. Diese ständige Unsicherheit verändert den Alltag.

© Combatants for Peace

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Was bedeutet es für die Bäuer*innen, wenn sie nicht mehr frei zu ihren Olivenbäumen kommen?

Ganz einfach: Sie können ihre Felder nicht mehr bewirtschaften. Es gibt zum Beispiel Tore und andere Sperren, die den Zugang zu den Dörfern und Feldern einschränken. Wenn ein solches Tor geschlossen ist, kann man weder zur Schule noch zur Uni, zur Arbeit oder zum Einkauf. Und die Bäuer*innen können mit ihren Fahrzeugen nicht mehr zu ihren Bäumen. In manchen Fällen werden die Bäume durch Siedler*innen beschädigt, entwurzelt, ausgerissen oder verbrannt. So werden die Felder nachhaltig geschädigt. Diese Angriffe gibt es nicht nur zur Erntezeit und nicht nur auf die Olivenbäume, sondern auch bei der Aussaat anderer Feldfrüchte und im Laufe des Jahres, wenn die Bäume und Felder gepflegt werden müssen. Die Familien verlieren so eine Einkommensquelle, die sie über viele Jahre oder Generationen hatten.

Es gibt Friedensaktivist*innen, die die Menschen bei der Olivenernte begleiten. Wie muss man sich das vorstellen?

Sowohl internationale als auch israelische Friedensaktivist*innen kommen ins Westjordanland – für ein paar Stunden, Tage oder manchmal auch mehrere Wochen. Sie leben bei den Familien vor Ort, arbeiten gemeinsam in den Olivenhainen, essen zusammen und erleben damit diese wichtige Zeit direkt mit den Menschen. Das ist zuallererst ein Zeichen von Solidarität. Die Familien wissen dadurch, dass es Menschen gibt, die sich für ihre Situation interessieren und bereit sind, sich für sie einzusetzen. Und gleichzeitig bietet ihre Anwesenheit eine schützende Präsenz.

Fee Schreier

Das ist keine Lösung des Konflikts, aber es kann ganz konkret Schutz für die palästinensische Bevölkerung schaffen und dafür sorgen, dass Täter*innen zur Verantwortung gezogen werden.

Fee Schreier, Leiterin Israel-Palästina-Programm

Was genau bewirkt eine solche schützende Präsenz?

In der Vergangenheit war es so, dass weniger Angriffe passiert sind, wenn israelische und internationale Beobachter*innen anwesend waren. Heute aber sind die Siedler*innen viel gewaltbereiter und stärker bewaffnet. Außerdem greifen Armee und Polizei seltener ein. Die schützende Präsenz wird dadurch zunehmend auch für die Beobachter*innen gefährlich. Trotzdem versucht man es, um Situationen deeskalieren, Menschenrechtsverletzungen dokumentieren und Beschwerden einreichen zu können. Denn es ist wichtig, dass diese Vorfälle nicht nur vor Ort bleiben, sondern auch auf anderen Ebenen dokumentiert und weiterverfolgt werden. Das ist keine Lösung des Konflikts, aber es kann ganz konkret Schutz für die palästinensische Bevölkerung schaffen und dafür sorgen, dass Täter*innen zur Verantwortung gezogen werden.

Pro Peace arbeitet seit 1999 in Israel und Palästina. Wie kann Friedensarbeit angesichts dieser schwierigen Situation überhaupt noch etwas bewirken?

Friedensarbeit in Israel und Palästina bedeutet heute für uns, Räume zu schaffen: Räume, in denen Israelis und Palästinenser*innen sich trotz des Konflikts für positive Veränderungen einsetzen können. Nach den traumatischen und polarisierenden letzten Jahren bedeutet das im Moment leider oft, zuerst innerhalb der Gemeinschaften zu arbeiten – bevor gemeinsam an Veränderungen gearbeitet werden kann. Wir fördern zum Beispiel mit Partnerorganisationen junge Menschen, gewaltfreie Formen der Konfliktlösung zu entwickeln oder junge gewaltfreie Führungspersönlichkeiten auszubilden. Solche Projekte verändern nicht die große politische Situation, schon gar nicht kurzfristig, aber sie stärken Menschen und Strukturen, damit diese sich langfristig für einen gerechten und friedlichen Umgang miteinander einsetzen können.

Schutz für die Olivenernte

Bereits seit vielen Jahren begleiten lokale Friedensorganisationen die Olivenernte im Westjordanland, um palästinensische Bäuer*innen vor Angriffen zu schützen. In diesem Jahr haben sich 27 lokale und internationale Organisationen zu der Koalition „Protect the Harvest“ („Schützt die Ernte“) zusammengeschlossen. Darunter sind zwei langjährige Partnerorganisationen von Pro Peace, Combatants for Peace und Standing Together. Von Oktober bis November begleiten die Friedensaktivist*innen die Ernte.

Shir Yerushalmi von Standing Together erläutert, die Koalition sende „ein starkes Zeichen der Solidarität: Wir stehen Seite an Seite gegen Gewalt und Ungerechtigkeit.“ Rana Salman, palästinensische Ko-Direktorin der Combatants for Peace, ergänzt: „Die Kampagne ist eine wichtige Form von gewaltfreiem Aktivismus und ein ganz praktischer Weg, die palästinensischen Bäuer*innen in ihrem Recht zu unterstützen, mit ihrem Land verbunden zu bleiben und es zu bewirtschaften.“

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