„Meine persönliche Geschichte mit der Besatzung hat begonnen, als ich 15 Jahre alt war und damals ein Schulfreund von mir von der Armee erschossen wurde.“ Im Kölner VHS-Forum wird es still, als Sayel Jabareen von diesem Erlebnis erzählt. Er stammt aus Hebron im südlichen Westjordanland und lebt heute in Ramallah. Schon früh wurde sein Leben durch den israelisch-palästinensischen Konflikt geprägt. Viele seiner Angehörigen leisteten bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besatzung, einige von ihnen wurden inhaftiert. Kurz nach dem Tod seines Schulfreundes verlor Jabareen auch einen israelisch-jüdischen Freund bei einem Bombenanschlag in Jerusalem.
Es sind Erfahrungen von Verlust, Trauer und Wut, die Jabareens Leben geprägt haben. Doch sie führten ihn auch zu einer wichtigen Erkenntnis: „Der Schmerz ist immer derselbe.“ Diese Erfahrung bestärkte ihn darin, gemeinsam mit Israelis nach einem anderen Weg im Umgang mit dem Konflikt zu suchen: einem Weg ohne Gewalt.
Elie Avidor hat einen ganz anderen persönlichen Bezug zum Konflikt. Seine Familiengeschichte ist eng mit der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit verbunden. Die Familie seines Vaters stammt aus Deutschland und floh während der NS-Zeit. Seine Großeltern waren bereits 1908 nach Palästina gezogen. Avidor wurde nach der Gründung des Staates Israel geboren und wuchs mit der Überzeugung auf, dass seine Heimat ständig von umliegenden Ländern bedroht sei. Als Soldat kämpfte er 1973 im Jom-Kippur-Krieg.
Sein Blick auf den Konflikt begann sich erst zu verändern, als er Palästinenser*innen persönlich begegnete und ihre Geschichten über das Leben unter der Besatzung hörte. Er begann, ihre Erfahrungen und Verluste besser zu verstehen. Das motivierte ihn, sich den Combatants for Peace anzuschließen. Heutebegleitet er mehrmals pro Woche palästinensische Bauern auf ihre Felder und Weideflächen, um sie vor Angriffen israelischer Siedler*innen zu schützen.
Bei der Veranstaltung in Köln griff Avidor die Worte seines palästinensischen Mitstreiters auf: „Ich habe gesehen, dass der Schmerz immer derselbe ist.“ Es ist diese gemeinsame Erkenntnis, die beide Aktivisten verbindet. Dabei geht es nicht darum, ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensrealitäten gleichzusetzen. Vielmehr bildet die gegenseitige Anerkennung des Leids eine wichtige Grundlage für ihr gemeinsames Engagement.
Gemeinsam gegen Gewalt und Misstrauen
Seit Jahrzehnten ist der israelisch-palästinensische Konflikt von Gewalt, Vertreibung und gegenseitigem Misstrauen geprägt. Nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023, der massiven Reaktion der israelischen Regierung in Gaza und der zunehmenden Gewalt in der gesamten Region scheint eine friedliche Zukunft für viele Menschen weiter entfernt denn je.
Die Combatants for Peace, eine Partnerorganisation von Pro Peace, will dem etwas entgegensetzen. Die 2006 gegründete Graswurzelbewegung bringt Israelis und Palästinenser*innen zusammen, die sich bewusst gegen den bewaffneten Kampf entscheiden. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, Feindbilder abzubauen, Raum für Begegnungen zu schaffen und Vertrauen über politische und gesellschaftliche Gräben hinweg aufzubauen.
Wie dringend diese Arbeit benötigt wird, verdeutlicht Jabareen anhand des Alltags im Westjordanland. In den vergangenen drei Jahren habe sich die Situation im Westjordanland drastisch verschärft. Zahlreiche israelische Checkpoints erschweren die Wege zwischen Städten und Dörfern und schränken die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Bevölkerung ein.
Jabareen berichtet zudem von Gewalt und Einschüchterungen durch israelische Siedler*innen: „Sie dringen nachts in palästinensische Dörfer ein, verkleidet als Polizisten.“ Immer wieder gebe es Todesopfer. Auch die Zahl der Inhaftierungen sei hoch. Tausende Palästinenser*innen, darunter Frauen und Kinder, seien ohne konkrete Anklage inhaftiert.
Auch seine eigene Familie ist betroffen. Erst kürzlich wurde seine Tochter unmittelbar mit der Realität des Konflikts konfrontiert, als ihre Lehrerin verhaftet wurde. Lange habe Jabareen versucht, seine Kinder vor diesen Erfahrungen zu schützen. Inzwischen sei dies nicht mehr möglich.
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Besonders deutlich werden die Folgen der Besatzung auch in der Landwirtschaft. Viele palästinensische Familien leben vom Olivenanbau. Doch zahlreiche Gemeinden haben den Zugang zu ihren Feldern teilweise oder vollständig verloren. Jabareen berichtet: „Die Bauern können ihre Oliven nicht mehr ernten, weil es einfach zu gefährlich geworden ist.“ Immer wieder werden zudem Felder und Olivenbäume in Brand gesetzt oder zerstört.
Aus diesem Grund begleitet der israelische Aktivist Elie Avidor regelmäßig bereits in den frühen Morgenstunden palästinensische Bäuer*innen auf ihre Felder und Weideflächen. Gemeinsam mit anderen Aktivist*innen dokumentiert er Übergriffe mit Kameras und reicht die Aufnahmen bei den zuständigen Behörden ein. Doch häufig bleiben ihre Bemühungen ohne Konsequenzen.
Zusammenhalten, wenn Frieden unerreichbar scheint
Wie zerbrechlich die Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinenser*innen sein kann, zeigte sich nach dem 7. Oktober 2023. Sayel Jabareen erinnerte sich daran, dass er und seine israelischen Mitstreiter*innen zunächst befürchteten, ihre Bewegung könne an den Ereignissen zerbrechen. Nur zwei Tage später kamen mehr als 30 Aktivist*innen zu einem mehrstündigen Online-Treffen zusammen. Doch statt sich voneinander abzuwenden, gelangten sie zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Gerade jetzt müssen sie stärker denn je zusammenhalten.
Eine Entscheidung, die nicht selbstverständlich ist. Beide Aktivisten machten deutlich, wie schwierig es ist, sich in einem Umfeld, das seit Jahrzehnten von Gewalt geprägt ist, bewusst für Gewaltfreiheit zu entscheiden. Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck, dem sie aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Menschen der jeweils anderen Konfliktpartei ausgesetzt sind.
„Israel kann sich nicht als freie Gesellschaft betrachten, solange Palästina nicht frei ist.“
Für Jabareen bleibt die Entscheidung für gewaltfreien Widerstand dennoch eine Verantwortung. Zugleich machte er deutlich, dass es für viele Palästinenser*innen zunächst darum gehe, angesichts der anhaltenden Gewalt zu überleben. Erst dann könnten sie sich überhaupt mit der Frage beschäftigen, wie Frieden gestaltet werden könne.
Auch Avidor sprach wiederholt über die Herausforderungen, die das von Misstrauen geprägte politische Umfeld mit sich bringt. Zugleich zeigten ihm die engen persönlichen Beziehungen innerhalb von Combatants for Peace, dass Zusammenarbeit über die Konfliktlinien hinweg weiterhin möglich ist.
Frieden braucht mehr als Dialog
So wichtig die gemeinsame Arbeit von Combatants for Peace ist, eines machen beide Aktivisten deutlich: Dialog allein reicht nicht aus – es braucht auch politische Veränderungen und eine glaubwürdige Perspektive für eine friedliche Zukunft. Avidor betonte, dass es für Israelis und Palästinenser*innen immer schwieriger werde, eine gemeinsame Grundlage für Verständigung zu finden. Umso wichtiger sei die Unterstützung durch internationale Akteure, die eine wichtige Rolle dabei spielen könnten, die Voraussetzungen für politische Vereinbarungen und neues Vertrauen zu schaffen.
Jabareen berichtete, wie sehr ihn die Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen in Europa bewegen. Zugleich machte er deutlich, dass diese bislang kaum konkrete Veränderungen im Alltag der Palästinenser*innen bewirkt hätten. Beide Aktivisten betonten deshalb die Bedeutung politischer und finanzieller Unterstützung für Organisationen wie Combatants for Peace. Pro Peace unterstützt lokale Friedensorganisationen wie Combatants for Peace unter anderem dabei, dass ihre Perspektiven auch international Gehör finden, und schafft mit ihnen gemeinsam Räume für Dialog und Begegnung.
Die Aktivisten riefen auch das Publikum auf, die Geschichte ihrer Bewegung weiterzuerzählen. Denn internationale Solidarität allein könne keinen Frieden schaffen. Aber sie könne gewaltfreie Initiativen stärken und politischen Druck für Veränderungen aufbauen.
Ist Frieden noch möglich?
Am Ende des Abends steht erneut die Frage im Raum, die bereits zu Beginn der Veranstaltung gestellt worden war: Ist Frieden noch möglich? Eine einfache Antwort darauf haben auch die beiden Aktivisten nicht. Zu groß sind das gegenseitige Misstrauen, die anhaltende Gewalt und die politischen Hindernisse. Doch allein die Existenz der Combatants for Peace zeigt, dass Verständigung und Zusammenarbeit selbst unter schwierigsten Bedingungen möglich sind. Dass Sayel Jabareen und Elie Avidor trotz ihrer unterschiedlichen Lebensgeschichten gemeinsam auf einer Bühne in Köln stehen, macht deutlich: Gewaltfreiheit ist eine bewusste Entscheidung, gerade dort, wo Gewalt den Alltag bestimmt.
Um die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft aufrechtzuerhalten, braucht es deshalb Menschen, die trotz aller Widerstände an dieser Entscheidung festhalten. Und es braucht internationale Solidarität und den politischen Willen, um die Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Wir danken für die Unterstützung für diese Veranstaltung: