Ende 2024 ging es plötzlich ganz schnell: Binnen Tagen rückten die Rebellentruppen unter Führung der islamistischen HTS-Miliz vor und nahmen schließlich Damaskus ein. Nach über einem halben Jahrhundert ist die Diktatur der Assad-Familie in Syrien beendet. Ist das der Wandel, auf den du so lange gehofft hast?
Meiner Meinung nach ist das kein echter Wandel – zumindest nicht der, den ich mir erhofft habe. Wir haben so lange auf das Ende des Assad-Regimes gewartet. Wir haben davon geträumt, dass endlich Demokratie, Freiheit und Menschenwürde nach Syrien kommen würden. Dafür haben wir jahrzehntelang gekämpft und einen hohen Preis bezahlt – viele mit ihrem Leben. Wir haben genau beobachtet, in welche Richtung die neue Regierung das Land führt. Und leider muss ich sagen, dass unsere Träume nicht wahr geworden sind.
Du hast also kein Vertrauen in die neue Regierung?
Wir haben immer auf einen friedlichen Wandel hingearbeitet, ohne Blutvergießen. Letztlich ist Assad aber militärisch gestürzt worden und die Menschen, die nun regieren, glauben an die Macht der Waffen. Immer wieder kommt es zu Gewalt: Letztes Jahr gab es Massaker an der alawitischen Bevölkerung (Anm. der Red.: dieser Gruppe gehört auch Ex-Präsident Assad an) und Kämpfe in Suwaida mit vielen zivilen Opfern. Diese Angriffe gegen Minderheiten sind alarmierend. Außerdem werden grundlegende Menschenrechte wie Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung nicht verwirklicht. Allein, wie die Rolle der Frauen beschränkt wird! Die Quote für den Frauenanteil im Parlament wurde von 30 auf gerade einmal fünf Prozent gesenkt. In der Regierung gibt es nur eine einzige Ministerin. Frauen werden aus dem politischen Raum verdrängt. Und darüber hinaus mischt sich diese Regierung ständig in die Privatsphäre ein, etwa indem sie Vorschriften macht, was Frauen anziehen sollen. Früher konnten wir an der syrischen Küste im Badeanzug schwimmen. Heute muss der ganze Körper bedeckt sein.
Warst du nach dem Machtwechsel bereits einmal in Syrien?
Nein. Ich bin mit vielen Menschen in Syrien in Kontakt, aber ich war selbst noch nicht dort. Tatsächlich habe ich Angst davor.
Wovor hast du Angst?
Meine Stimme ist zu laut für diese Regierung. Selbst hier in Deutschland bekomme ich Drohungen, wenn ich mich öffentlich äußere – anonyme Nachrichten per Telefon von Unterstützern der neuen Regierung, denen nicht gefällt, was ich sage. Ich blockiere die Absender dann immer und denke nicht, dass sie sich trauen, mir hier in Deutschland etwas anzutun. Aber in Syrien müsste ich mit Konsequenzen rechnen, wenn ich meine Stimme erhebe – und das werde ich immer tun. Ich kann mir nicht vorstellen, unter so einer Regierung zu leben.
Damaskus im Januar 2026: Einst lebten in diesem gutbürgerlichen Stadtteil rund 300.000 Menschen. Heute sind nur noch Trümmer übrig.
Nach Assads Sturz haben viele Menschen in den Gefängnissen nach Spuren ihrer vermissten Angehörigen gesucht. Hast du etwas über das Schicksal deines Mannes und deines Sohnes erfahren?
Nein, leider habe ich gar keine Informationen gefunden. Natürlich galt ihnen mein erster Gedanke, als ich von Assads Sturz hörte. Wir Angehörigen haben so sehr gehofft, dass alle Gefangenen freikommen und wir sie wiedersehen würden. Aber in Wirklichkeit wurden nur sehr wenige freigelassen und auch längst nicht alle Unterlagen veröffentlicht. Wir wissen, dass das alte Regime den Verbleib jedes Einzelnen akribisch dokumentiert hat. Die Informationen gibt es also. Aber in den Gefängnissen lagen die Akten überall auf dem Boden, alles flog herum, wurde weggeweht, zerrissen, verkauft. Es war ein riesiges Chaos.
Suchst du weiter nach Spuren?
Natürlich. Ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen herauszufinden, was passiert ist.
Was macht diese Ungewissheit mit dir?
Weißt du, seit mein Mann und mein Sohn verschwunden sind, lebe ich in einem seltsamen Zustand. Ich lebe in Dunkelheit. Ihr Fehlen bedeutet für mich Dunkelheit. Vielleicht ist das ein weiterer Grund, warum ich noch nicht nach Syrien gereist bin: Ich habe Angst vor dem Augenblick der Wahrheit. Und gleichzeitig brauche ich einen Abschluss. Ich weiß, dass ihre Seelen für immer bei mir sein werden, aber ich muss wissen, ob ihre Körper noch da sind. Und wenn es nur ein Knochen ist... Ich brauche einen Ort, wo ich Blumen niederlegen und mit ihnen sprechen kann. Einen Ort zum Trauern.
Frieden spenden
Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Über 177.000 Menschen gelten als vermisst. Was bedeutet es für die syrische Gesellschaft, dass so viele Schicksale noch nicht aufgeklärt wurden?
Ohne Wahrheit wird es keinen Frieden geben. Es gibt Familien, die fünf oder sechs Kinder verloren haben. Jede Mutter hat doch das Recht zu erfahren, was mit ihrem Kind passiert ist! Und wenn es nur das Wissen darum ist, wo sie begraben sind.
Die neue Regierung hat letztes Jahr zwei Kommissionen ins Leben gerufen, eine für die Aufklärung der Verbrechen und eine für die Vermissten. Ist das ein guter Schritt?
Im Prinzip schon. Aber bisher haben diese Kommissionen keine Ergebnisse geliefert. Das Problem ist: Der Regierung fehlt die Erfahrung für diese gigantische Aufgabe – aber sie holen sich auch keine Expertise von außen. Viele zivile Gruppen, Aktivist*innen und internationale Organisationen arbeiten seit Jahren zu diesem Thema. Ich selbst berate die Institution für Vermisste Personen in Syrien, eine unabhängigen UN-Einrichtung, die 2023 auf den jahrelangen Druck von uns Angehörigen ins Leben gerufen wurde. Diese Institution hätte viele Möglichkeiten, um die syrische Regierung zu unterstützen: mit finanziellen Mitteln, Expertise und Technologien wie DNA-Tests. Aber all das wird abgeblockt mit der Begründung, die Aufarbeitung solle inner-syrisch geregelt werden. Für mich zeigt das, dass die Regierung keinen echten Willen zur Aufklärung hat. Deshalb müssen wir weiter Druck machen.
Denkst du denn, dass zivilgesellschaftlicher Druck etwas bewegen kann?
Und ob! Ich selbst bin in fünf Organisationen aktiv, lokal und international. Ich möchte es so ausdrücken: Wir arbeiten darauf hin, so viel Einfluss zu haben, dass wir die ganze Regierung auswechseln könnten (lacht). Aber im Ernst: Ich bin gar nicht per se gegen diese Regierung. Ich wünsche mir ja auch, dass Syrien eine stabile Regierung hat, die für Frieden und Aufklärung sorgt. Aber ich sehe gerade einfach nicht, dass das gelingt. Deshalb dürfen wir nicht nachlassen. Gerade heute haben in Syrien wieder Menschen demonstriert und ein Leben in Freiheit und Würde gefordert. Das zeigt für mich, dass Veränderung möglich ist. Sie muss aus der syrischen Gesellschaft selbst kommen. Aber gleichzeitig braucht es Unterstützung von der internationalen Staatengemeinschaft, denn wenn wir als Zivilgesellschaft auf uns allein gestellt sind, haben wir einen sehr langen Weg vor uns.
Mit Mahnwachen und Kundgebungen erinnert Fadwa Mahmoud an die Schicksale der Vermissten. Für ihren Aktivismus erhält sie regelmäßig Drohungen.
Du sprichst die internationale Politik an. Der neue syrische Präsident Ahmed al-Scharaa wurde schon in vielen europäischen Hauptstädten empfangen, auch in Berlin. Findest du das richtig?
Ich nenne ihn nicht al-Scharaa, sondern al-Jolani (Anm. der Red.: ehem. dschihadistischer Kampfname al-Scharaas), denn ein neuer Name macht noch keinen neuen Menschen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die europäischen Regierenden ihn wirklich mögen – aber sie handeln nach ihren eigenen Interessen und das ist das Traurige daran. Sie wollen einfach, dass Syrien ein sicheres Land ist, damit sie die ganzen Geflüchteten zurückschicken können.
Und ist Syrien sicher?
Nein! Ich frage mich wirklich, worauf diese Annahme beruht. Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig die Menschen in Deutschland über die Lage in Syrien wissen. Deshalb versuchen wir, darüber aufzuklären. Um es ganz deutlich zu sagen: Syrien ist kein sicheres Land. Politisch Andersdenkende müssen Verfolgung fürchten und es passieren viele Menschenrechtsverletzungen. Und nicht zuletzt ist die humanitäre Lage in vielen Teilen des Landes dramatisch. Die Menschen leben in Trümmern und bitterer Armut. Sie können sich kaum das Nötigste leisten. Und die Regierung ist nicht in der Lage, sie zu versorgen. So ist kein würdiges Leben möglich.
Was wünschst du dir von der deutschen Politik im Umgang mit Syrien?
Aus meiner Sicht sollte die deutsche Regierung das Geld für den Wiederaufbau nicht der syrischen Regierung geben, sondern die Zivilgesellschaft direkt unterstützen. Und was die Geflüchteten betrifft, sollte sie verstehen: Wenn es in Syrien echte Sicherheit gibt, dann brauchen sie die Geflüchteten gar nicht zurückzuschicken – viele werden von selbst gehen. Speziell in der deutschen Debatte fällt mir immer wieder auf, das Menschenrechte besonders hochgehalten werden. Und doch will die Regierung Menschen in ein Land schicken, wo sie verhaftet oder getötet werden könnten. Das ist doch ein Widerspruch in sich.
Die jahrzehntelange Diktatur und der Krieg haben unermessliches Leid über die Menschen in Syrien gebracht. Wie kann aus deiner Sicht Frieden wieder wachsen?
Dafür muss viel passieren. Als allererstes müssen diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die Verbrechen begangen haben – egal, von welcher Seite. Es braucht auch Entschädigungen und Aufklärung. Und ein würdiges Gedenken für die Opfer. Vor meiner Haustür hier in Deutschland gibt es einen Friedhof, wo an die Menschen erinnert wird, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Manche der Namen sind nicht bekannt, aber trotzdem gibt es diesen Ort, wo ihrer gedacht wird. So einen Ort wünsche ich mir. Vielleicht gibt es ihn eines Tages.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Hannah Sanders.
Ausstellung "Gesichter des Friedens"
Fadwa Mahmoud ist eine von zwölf Friedensaktivist*innen, die in unserer Ausstellung „Gesichter des Friedens“ porträtiert werden. Auf unserer Webseite finden Sie ein ausführliches Video-Interview mit Fadwa. Die Ausstellung steht zur kostenlosen Bestellung zur Verfügung und kann z.B. in Kirchen, Bürgerzentren und Volkshochschulen gezeigt werden. Für Schulen steht begleitendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Alle Informationen finden Sie hier:
Die Ausstellung und die Erstellung dieses Interviews werden gefördert durch ENGAGEMENT GLOBAL mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit sowie durch die Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW und Brot für die Welt.