Der beißende Geruch von Bleichmittel – danach riecht Krieg für Fida Bizri. Sie war noch ein Kind, als ihre Eltern Putzwasser mit Bleiche auf die Straße kippten, um den Gestank verwesender Leichen loszuwerden. Ihre Erinnerung an den Bürgerkrieg hat die Künstlerin mit Miniatur-Figuren nachgestellt: Zwischen Trümmern geht eine kleine Holzfigur in rotem T-Shirt an der Hand ihrer Großmutter durch Beiruts Straßen, Scharfschützen sitzen hinter den Fenstern.
Die Szene steht im Kulturmuseum „Beit Beirut“. Das gelbe Gebäude in Zentral-Beirut war selbst Kriegsschauplatz. 1975 besetzten Scharfschützen das Haus, die Straße davor teilte Beirut 15 Jahre lang in Ost und West. Das Gebäude trägt die Zeichen der Vergangenheit noch heute: eine Schießscharte aus Pressholz, Schusslöcher in den Wänden – Spuren, die bewusst erhalten wurden, um an den Krieg zu erinnern.
Im Erdgeschoss toben Kinder, stapeln Holzklötze. Das Museum ist heute auch Zufluchtsort für Menschen, die ganz aktuell vom Krieg betroffen sind. Vertriebene Familien verbringen hier ihre Tage.
Der Krieg ist in den Libanon zurückgekehrt. Im März haben israelische Angriffe mehr als eine Million Menschen binnenvertrieben. Surrende Drohnen, knatternde Kampfjets, Bombeneinschläge gehörten wieder zum Alltag. Zwischen März und Anfang Mai wurden mehr als 2.690 Menschen getötet, über 10.960 verletzt. Besonders betroffen sind der Süden, die Bekaa-Ebene und die südlichen Vororte Beiruts — Regionen, in denen viele schiitische Familien leben und die Hisbollah stark verankert ist. Hunderttausende haben ihre Häuser verloren oder können nicht zurück.
Für viele wiederholt sich damit, was sie schon vor zwei Jahren erlebt haben. Nach dem 7. Oktober 2023 schoss die Hisbollah Raketen ins Nachbarland, Israel reagierte mit massiven Luftschlägen und einer Bodenoffensive im Jahr 2024. Hunderttausende wurden vertrieben. Nun fliehen viele zum zweiten Mal.
In einer Sitzecke des Beit Beirut können Kinder, die durch israelische Angriffe vertrieben wurden, malen, basteln und für einen Moment zur Ruhe kommen.
Zurück im Beit Beirut flimmern währenddessen Kinderfilme über die Leinwand. Buntes Tonpapier und Scheren laden zum Basteln ein. Abends gehen die Familien nicht nach Hause, sondern in Notunterkünfte oder Zelte auf der Straße. Die alten Wunden treffen auf neue.
Im ersten Stock steht Nour Nasr vor der Miniatur-Kulisse. „Dieser Raum trägt den Titel Nichts“, erklärt die 27-Jährige. „Fidas erste Erinnerung an den Krieg sind Leichen auf der Straße. Sie fragte ihre Großmutter, was das sei und diese antwortete: „Es ist nichts“.
Mut zur Offenheit und Wahrheit
Nasr ist Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit der Initiative Hkeeli im Beit Beirut. Jeden Tag führt sie Menschen durch die Ausstellung. Derzeit vor allem Geflüchtete, die sie in Absprache mit den Notunterkünften ins Beit Beirut einlädt. Das arabische Wort Hkeeli bedeutet „Erzähl mir“ — und genau das will die Initiative möglich machen: einen Ort, an dem Menschen über Beiruts Geschichte, Gegenwart und Zukunft sprechen können. Pro Peace unterstützt Hkeeli im Rahmen seiner Arbeit zur Aufarbeitung der Vergangenheit und gestaltet die strategische Ausrichtung und das Kulturprogramm der Initiative mit.
In der Ausstellung ist eine Miniatur-Nachbildung einer Szene aus dem libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990) zu sehen.
„Ich sage den Eltern, dass sie ehrlich zu den Kindern sein dürfen“, sagt Nasr. „Sie können erklären, was passiert. Fida ist heute 51 Jahre alt. Diese Erinnerung stammt aus der Zeit, als sie drei Jahre alt war. Sie hat sie nicht vergessen, weil Erinnerungen manchmal zu Traumata werden. Und leider haben wir unsere persönlichen Traumata weder individuell noch als Gemeinschaft aufgearbeitet.“
Im Libanon folgte auf den Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 kein breiter gesellschaftlicher Aufarbeitungsprozess, sondern ein kollektives Vergessen: Milizführer wurden zu Parteichefs, Schulbücher klammern diesen Teil der Geschichte aus. Wie an den Krieg erinnert wird, hängt davon ab, welcher konfessionellen oder politischen Gruppe jemand angehört.
Und jetzt schon wieder Krieg
Eine Freundin habe sie neulich gefragt, was sie angesichts der Gewalt für ihr eigenes Wohlbefinden tue, erzählt Nasr. Sie zählt auf: „Ich rauche viel. Ich esse viel. Ich war beim Friseur.“ Dann ergänzt sie: „Normalerweise schminke ich mich nicht, nun trage ich Make-up.“ Eine richtige Strategie habe sie für sich selbst noch nicht gefunden. „Unsere Gefühle sind unterdrückt. Ich habe Angst vor dem Moment, in dem sie explodieren.“
Sie führt weiter durch einen Raum, in dem Schlüssel in einem Rahmen an der Wand hängen. Haustürschlüssel von Häusern, die durch israelische Angriffe im Jahr 2024 zerstört wurden. Eine Frau habe ihr gesagt, sie könne nun auch ihren Schlüssel dazu hängen. Die Schlüssel sind zum Zeichen der Vertreibung und zum Wunsch nach Rückkehr geworden.
Nour Nasr von der Initiative Hkeeli im Beit Beirut blickt auf Schlüssel von Häusern, die 2024 durch israelische Angriffe zerstört wurden.
Nicht mehr schweigen
Zeinab Ghassan sitzt auf einem Plastikstuhl im Innenhof des Kulturmuseums. Sie schaut auf ihrem Handy nach aktuellen Nachrichten. Als es laut knallt, blickt sie zum Himmel. „Das ist nichts“, sagt sie entwarnend.
Dann erzählt sie von dem Tag, an dem sie einen von Pro Peace organisierten Workshop beinahe verlassen hätte. „Ich war 40 Jahre alt, als ich zum ersten Mal so offen unterschiedliche Sichtweisen auf den Bürgerkrieg hörte. Am ersten Tag wollte ich am liebsten gehen.“ Die 41-jährige Schiitin stammt aus einem konservativen Dorf nahe Syrien. Bei dem Workshop zu „Erinnerung an den Krieg“ berichteten Menschen von ihren Erfahrungen im Bürgerkrieg. An den Krieg selbst hat sie kaum Erinnerungen, was sie wusste, kannte sie vor allem aus Erzählungen ihrer Umgebung.
„Es war schockierend für mich, andere Erzählungen zu hören.“ Zwar stellten die anderen Sichtweisen ihre persönliche Erfahrung nicht in Frage, aber ihre Identität. „Eine Erzählung konzentrierte sich auf den Konflikt zwischen Muslimen und Christen. Für mich steht dagegen Israel als Besatzungsmacht im Zentrum“, sagt Ghassan. Sie wurde wütend. „Ich empfand es als ungerecht, dass die Palästinenser*innen als Täter*innen gesehen wurden.“
Frieden spenden
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Ein Gespräch mit zwei ehemaligen Kämpfern, einem libanesischen Christen und einem Palästinenser, öffnete ihr die Augen. Für Ghassan völlig unerwartet sagte der Palästinenser, er bereue seine Taten. Er stehe nicht mehr hinter dem bewaffneten Widerstand. „Da fing ich an zu weinen“, erzählt sie. „Es fühlte sich an, als hätte mir jemand ein Messer ins Herz gerammt. Er erkannte unser Leid und die Gewalt, die uns widerfahren ist, nicht an. Und die gewaltfreien Lösungen, die wir zuvor versucht hatten.“
Erneut wollte sie gehen. „Aber ich fasste mir ein Herz. Ich hob den Arm und stand auf. Ganz ruhig fragte ich: Welche anderen Lösungen gibt es denn aus deiner Sicht?“
Heute sagt Ghassan, in dem Workshop habe sie etwas Grundsätzliches verstanden: „Wir haben eine Art emotionale Beziehung zu unserer Identität und unseren Erzählungen.“ Gerade deshalb könne es etwas verändern, Räume zu schaffen, in denen Menschen andere Sichtweisen hören. Seit dem Workshop nimmt sie regelmäßig an Dialogveranstaltungen im Beit Beirut teil.
Schuldgefühle, noch ein Zuhause zu haben
In einem lichtdurchfluteten Raum sitzt Soha Fleyfil auf einem roten Sofa. Die 51-Jährige ist bei Pro Peace verantwortlich für Projekte zur Aufarbeitung der Vergangenheit – darunter auch den Workshop „Erinnerung an den Krieg“, an dem Zeinab teilgenommen hat. Im Moment aber bringt sie Menschen bei Kaffee und Schokolade zusammen, um darüber zu sprechen, wie die gegenwärtige Gewalt ihr Leben prägt.
In einer Gesprächsrunde erzählt eine junge Lehrerin von ihren Schuldgefühlen. „Wer bin ich, dass ich einfach so weitermachen kann, während andere ihr Leben nicht leben können?“, fragt sie. Einige Schüler*innen könnten nicht zum Unterricht kommen, weil ihr Haus zerstört wurde, sie vertrieben sind.
Kann ich einfach so weiterleben? Sollte ich mich schuldig fühlen, weil ich nicht direkt helfe? Diese Fragen, sagt Soha Fleyfil, hätten auch sie beschäftigt. „Ich gehöre vielleicht zu den Glücklichen, die das Privileg haben, kein Angriffsziel zu sein, aber wer weiß, vielleicht bin ich es morgen“, sagt sie. „Für mich ist es deshalb keine Frage von Schuld, sondern von meiner Rolle. Ich bin nicht die Person, die für andere kocht oder Matratzen verteilt. Aber ich kann Menschen zusammenbringen.“
Soha Fleyfil, Projektkoordinatorin bei Pro Peace, leitet eine Gesprächsrunde, in der Menschen ihre Erfahrungen mit dem Krieg teilen und ihren Umgang damit reflektieren.
Um ihre Stimmung zu beschreiben, greift Fleyfil zu einem Bild: „Meine Gefühle sind wie eine Flasche Limonade“, sagt sie in die Runde. „Als wäre ich eine Flasche mit Kohlensäure, die geschüttelt wird. Sobald man sie öffnet, spritzt der Inhalt in alle Richtungen.“ Es sei in Ordnung, zu schimpfen. „Lasst eurer Wut freien Lauf“, ermutigt Fleyfil die Runde. „Nur so können wir anfangen, die Dinge auch wieder rational zu betrachten.“
„Wir verstehen jetzt unsere Eltern ein bisschen besser“
Es ist die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart, die viele Menschen im Libanon gerade an ihre Belastungsgrenze bringt. Neue Traumata überdecken die alten und verschmelzen damit, alte Ängste und Feindbilder kommen wieder an die Oberfläche. Orte wie das Beit Beirut können den Menschen ihre Häuser nicht zurückgeben, geschweige denn verlorene Angehörige zurückholen. Aber sie können einen Raum geben, um das Erlebte zu verarbeiten. Um diese Zeit gemeinsam durchzustehen. Und um irgendwann zu heilen.
Nour Nasr steht neben einer Flasche des Putzmittels Javel. Gäste haben in einem Buch aufgeschrieben, welche Gerüche sie an den Krieg erinnern.
Später am Tag sitzt Soha Fleyfil in einem Café und erzählt von ihrer eigenen Kindheit. „Ich bin damit aufgewachsen, dass meine Mutter im Krieg oft das Haus geputzt hat. Es waren riesige Putzaktionen“, erinnert sich Fleyfil. „Ich habe das nie verstanden, bis zum Tag der Explosion.“ Am 4. August 2020 explodierten 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat im Beiruter Hafen. „Ich wohnte damals in den Bergen, also kam ich nach Hause, um meine Mutter rauszuholen“, sagt sie. „Als ich ankam, sah ich, dass sie die Möbel verrückte, um dahinter zu putzen. Ich dachte nur: Okay. Mamas Bewältigungsstrategie.“
Ironischerweise fing sie während des jüngsten Krieges selbst an, sauber zu machen: „Ich habe nicht den ganzen Tag geputzt, aber eine Ecke nach der anderen. Selbst um 23 Uhr.“ Die nächtlichen Luftangriffe hielten sie wach. „Jetzt verstehe ich all die Putzaktionen von früher“, sagt Fleyfil. Der Krieg riecht für sie nun auch etwas nach Putzmittel.
Julia Neumann arbeitet als freie Korrespondentin im Libanon. Sie besuchte das Kulturmuseum Beit Beirut im April 2026.